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Marx oder Kant : Rede, gehalten in d. Kunst- u. Festhalle am 9. Mai 1908 bei d. öffentl. Feier d. Übergabe d. Prorektorats d. Univ. Freiburg i. Br.
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IV. Sozialistische Politik. Als Naturalismus ist der ^Marxismus grundsätzlich unpolitisch. Marx nennt dasDenken, nur das herzloseDenken seinen Führer und weist die Begründung des Sozialismus durchethische Forderungen von sich. Ihm wird die Ethik zur Seinswissen-schaft : die verschiedenen Arten der Moral die feudale, die bourgeoise,die proletarische sind als Naturtatsachen festzustellen. Es giltnichtzu preisen, nicht zu beklagen, sondern zu erkennen. Die proletarischeMoralvertritt in der Gegenwart die Zukunft, bis auch sie, so könnteman fortfahren, Gegenwart geworden und von einer neuen Zukunft ent-thront werden wird. Mit Recht erklärt Engels in diesem Zusammenhangdie Ethik alshistorische Wissenschaft. Ähnlich steht Kautsky , dereine historisch-psychologische Herleitung der Moral aus dem Herdeninstinktder Tierwelt versucht 83 .

Aber nein, Marx will die Welt nicht nur interpretieren:es kommtdarauf an, sie zu verändern. Marx wird zum leidenschaftlichen Anklägerdes Kapitals, dasunter den infamsten, schmutzigsten Leidenschaften,unter schonungslosem Vandalismus die Produzenten enteignet habeaus allen Poren blut- und schmutztriefend, als Industriekapital in vielenFällen nichts alskapitalisiertes Kinderblut. Unter dem Kapitalismushabe Europa den letzten Rest vonGewissen eingebiisst Gewissen?Spricht so ein Naturforscher?

Marx ist Ethiker von Grund aus 84 ; aber seine Ethik ist unausge-sprochen, daher ungeklärt und widerspruchsvoll. Im Marxismus lebt zu-nächst die utilitarische Ethik Westeuropas, bei Marx in ausdrücklichemAnschluss an Helvetius 85 .Erhöhung des Lustquantums,grösstes Glückder grössten Menge, diese westeuropäisch-bourgeoise Zielsetzung, beherrschtweithin die sozialistische wie die liberale Welt auch Deutschlands . Diegedrückten Massen erträumen denHimmel auf Erden, den Heinesstimmungsverwandten Verse unvergleichlich verkünden:

Es wächst hienieden Brot genugFür alle Menschenkinder,