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IV. Sozialistische Politik. Als Naturalismus ist der ^Marxismus grundsätzlich unpolitisch. Marx nennt das „Denken, nur das herzloseDenken“ seinen Führer und weist die Begründung des Sozialismus durchethische Forderungen von sich. Ihm wird die Ethik zur Seinswissen-schaft : die verschiedenen Arten der Moral — die feudale, die bourgeoise,die proletarische — sind als Naturtatsachen festzustellen. Es gilt „nichtzu preisen, nicht zu beklagen, sondern zu erkennen“. Die proletarischeMoral „vertritt in der Gegenwart die Zukunft“, — bis auch sie, so könnteman fortfahren, Gegenwart geworden und von einer neuen Zukunft ent-thront werden wird. Mit Recht erklärt Engels in diesem Zusammenhangdie Ethik als „historische Wissenschaft“. Ähnlich steht Kautsky , dereine historisch-psychologische Herleitung der Moral aus dem Herdeninstinktder Tierwelt versucht 83 .
Aber nein, Marx will die Welt nicht nur interpretieren: „es kommtdarauf an, sie zu verändern“. Marx wird zum leidenschaftlichen Anklägerdes Kapitals, das „unter den infamsten, schmutzigsten Leidenschaften,unter schonungslosem Vandalismus“ die Produzenten enteignet habe —„aus allen Poren blut- und schmutztriefend,“ als Industriekapital in vielenFällen nichts als „kapitalisiertes Kinderblut“. Unter dem Kapitalismushabe Europa den letzten Rest von „Gewissen“ eingebiisst — Gewissen?Spricht so ein Naturforscher?
Marx ist Ethiker von Grund aus 84 ; aber seine Ethik ist unausge-sprochen, daher ungeklärt und widerspruchsvoll. Im Marxismus lebt zu-nächst die utilitarische Ethik Westeuropas, bei Marx in ausdrücklichemAnschluss an Helvetius 85 . „Erhöhung des Lustquantums,“ „grösstes Glück“der grössten Menge,“ diese westeuropäisch-bourgeoise Zielsetzung, beherrschtweithin die sozialistische wie die liberale Welt auch Deutschlands . Diegedrückten Massen erträumen den „Himmel auf Erden,“ den Heinesstimmungsverwandten Verse unvergleichlich verkünden:
„Es wächst hienieden Brot genugFür alle Menschenkinder,