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Marx oder Kant : Rede, gehalten in d. Kunst- u. Festhalle am 9. Mai 1908 bei d. öffentl. Feier d. Übergabe d. Prorektorats d. Univ. Freiburg i. Br.
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Ökonomen Englands , welche aus dem Glückseligkeitstriebe, bei ihnenwirt-schaftlichem Egoismus, die Zusammenhänge des Wirtschaftslebens zuverstehen glauben. Auch bei ihm werden diese vielleicht richtigen Seins-sätze zu Sollsätzen gesteigert: Wie die englischen Nationalökonomen

in ethischer Hinsicht mit Bentham gehen, so verkünden die deutschenMaterialisten ein Feuerbach, ein D. F. Strauss, ein Marx eineeudämonistisch gefärbte Humanitätsmoral, die ihnen aus dem Materialis-mus zu fliessen scheint 8S .

Aber es wäre ungerecht, den Marxismus oder gar den deutschenSozialismus auf denGlückseligkeitskalkül der westeuropäischen Auf-klärung festzunageln. Gerade der Mangel einer wissenschaftlich geklärtenEthik erlaubt ihm, eine verborgene, aber tiefe Wurzel in die deutscheVorzeit zu senken, aus der seine beste Stärke aufsteigt. Unter Schich-tungen materialistischer und eudämonistischer Gedankenmassen reckt sichder gefangene Riese, um zu glücklicher Stunde vielleicht lastende Bergebei Seite zu wälzen: der deutsche Idealismus. Er lebt in der vielver-spotteten Lehre vom Zukunftsstaat, der gerade, weil er nicht beweisbarist, ein Gegenstand opferwilliger Hingabe sein kann. Der Zukunftsstaat derdeutschen Sozialdemokratie ist etwas anderes als ein Festmahl im Liebes-

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garten, serviert nach französischem Menu.

Aus dem Bewusstsein, Pioniere einerhöheren Kultur zu sein,schöpfen seine Anhänger immer neue Begeisterung. Bei Marx und Engelsist der Zukunftsstaatdas Reich der Freiheit, in dem der Mensch zumerstenmal wirklicherHerr der Natur seine Vergesellschaftung als dieauf Solidarität gegründete Freiheit in selbstbewusstem Schaffen hervor-bringt 89 . Der von Marx empfohleneproletarische Philosoph Dietzgen, kennt neben den wechselnden Zwecken deneinen Zweck aller Zweckeund stellt der Arroganz, welche eine Art von Sittlichkeit zur Sittlichkeitüberhaupt stempelt, die eine Sittlichkeit entgegen, dieewig heilige 90 .Heute fordern Männer wie Bernstein und Heine ausdrücklichIdeale desSozialismus. Der Sozialist, der die Gemüter entflammen wolle, bedürfe der