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so ist es jedenfalls für absehbare Zeit außerstande, wieder Geldgeberanderer Staaten zu werden. Die Verhältnisse liegen heute anders alsnach 1871: seine Menschenverluste dürften das Zehnfache der damaligenbetragen, die Kapitalverluste - schon ohne Kriegsentschädigung —mindestens das Fünffache. Damals ergoß sich sofort wieder der Fremden-strom aus England, Rußland, Belgien, Österreich-Ungarn, Italien nachFrankreich ; diesmal gehen alle diese Länder wirtschaftlich schwer ge-schädigt aus dem fürchterlichen Ringen hervor. Und die vermehrtenBesucher aus den Vereinigten Staaten , aus den Niederlanden undSkandinavien können keinen entsprechenden Ersatz gewähren.
England wird im Frieden seine Verhältnisse wieder zu ordnenvermögen - vorausgesetzt, daß der Krieg nicht zu lange dauert undnicht Aufstände in Indien und Ägypten ausbrechen. Aber auch seinReichtum mindert sich rapid. Jeder weitere Monat Kriegsdauer belastetes mit 3000 Mill. M reiner Kriegskosten, und es ist sehr fraglich,ob diese Summe in künftigen Monaten nicht wesentlich überschrittenwird. In den ersten 14 Monaten des Krieges hat sein Einfuhrüberschuß494 Millionen £, d. i. rund 10 Milliarden Mark, überstiegen; im Oktober1915 allein war die Einfuhr um 3 k Milliarden Mark größer als die Ausfuhr.Dabei erscheint seit mehreren Monaten die Einfuhr für Rechnung derRegierung nicht in der Statistik. Rechnet man sie hinzu, so würde dieMasseneinfuhr von Kriegsmaterial den Einfuhrüberschuß noch gewaltiganschwellen lassen. Gewiß ist Englands Handelsbilanz seit Menschen-gedenken passiv gewesen; sie wurde mehr als ausgeglichen durch dieFrachten der Seeschiffahrt, durch die Vermittlungsspesen der Kaufleuteund Banken, durch die Erträgnisse des im Ausland angelegten Kapitals.Aber diese Quellen sind, auch wenn sie während des Krieges in un-vermindertem Maß fortflössen, nicht ergiebig genug, um die enormeSteigerung der Einfuhr auch nur entfernt auszugleichen. Und sie fließenjetzt wesentlich schwächer. Die Schiffahrt erfreut sich zwar riesig hoherSeefrachten, aber diese muß in erster Linie England für seine Kriegs-zwecke, in zweiter müssen sie seine Verbündeten bezahlen. Besondersbitter klingen die Klagen Italiens über die unerhörte Ausbeutung durchdie englischen Frachten. Es ist aber wohl anzunehmen, daß Italien sicheinen Teil seiner Kriegskosten durch England hat sichern lassen.
England ist insofern in günstiger Lage, als es seine Ausfuhr nachden ihm verbündeten Staaten, mit Ausnahme Rußlands , sowie nach denneutralen Staaten aufrechterhalten kann. Das um so eher, als einungleich geringerer Teil seiner Bevölkerung unter den Waffen steht, alsbei den Kriegführenden mit allgemeiner Wehrpflicht. Je stärker aberseine Rekrutierung wird, um so weniger Menschen bleiben für dieHerstellung von Ausfuhrwaren übrig; um so mehr wird England auf