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Die Kriegslasten und ihre Deckung / Georg Gothein
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die Einfuhr angewiesen; um so stärker wächst seine Verschuldung ansAusland. Die soeben beschlossene Heeresvermehrung um eine weitereMillion ist daher höchst zweischneidig. Solche militärische Stärkungheißt für England wirtschaftliche Schwächung.

Der Sterlingkurs war bis zum Kriegsausbruch der ruhende Polin der Flucht der Valutaschwankungen. Auch nach der 500-Mill.-Dollaranleihe blieb er gegenüber der Parität New York um rund 5°/o,gegenüber dem holländischen Gulden sogar um 8 l k°lo, neuerdings 10°/ozurück. Alle englischen Massenverkäufe amerikanischer Werte, alle hohenSchiffsfrachten haben das nicht aufhalten können*). Gewiß, Deutsch-lands Valuta wird jetzt auf den ausländischen Märkten noch erheblichniedriger bewertet, vor allem infolge englischer Börsenmanöver, denennunmehr entgegengetreten wird. Aber es leidet darunter weit weniger,weil es den größten Teil seines Bedarfes im Inland deckt. Englands Einfuhr-überschuß aber steigt dauernd. Im Oktober 1915 war seine Einfuhr um31,9 °/o höher als im gleichen Monat des Vorjahres. Gelingt es England nicht, neue große Anleihen in Amerika abzuschließen was wenigwahrscheinlich ist, da die letzte noch schwer in den Kellern der Bankenliegt und auch die Zeichner bei dem Rückgang des Kurses erheblicheVerluste daran erlitten haben, so muß der Sterlingkurs beträchtlichweiter sinken, d. h. England muß immer höhere Preise für die aus demAusland eingeführten Waren anlegen.

Unter diesen Verhältnissen erscheint der Ausspruch Lloyd Georges, England müsse unter Umständen den Krieg 10 Jahre weiterführen, alshohle Renommisterei. Jedes weitere Kriegsjahr kostet ihm mindestens40 Milliarden Mark an reinen Kriegskosten. Sein eigener Kredit hataufs Schwerste gelitten; wie soll es den finanziell noch weit mehr Notleidenden Verbündeten, wie Italien, wie Rußland, ja selbst wie Frank-reich aushelfen! Der Führer der Tories Bonar Law hat im Oberhausdavon gesprochen, daß man sogar den Staatsbankerott riskieren müsse,um den Krieg zu gewinnen; ein solcher würde selbst für England sicher sein, wenn der Krieg noch zwei Jahre dauern würde. Muß es dochjetzt schon zu einer Steigerung seiner direkten Steuern bis auf 50°/oder Einkommen und zu einer starken Herabsetzung der steuerfreienEinkommensgrenze schreiten, nur um sein Budget ohne Kriegskostenim Gleichgewicht zu erhalten. Man hat noch in lebhafter Erinnerung,welche Schwierigkeiten der Burenkrieg den Finanzen Englands bereitet,wie es länger als ein Jahrzehnt gebraucht hat, um sie zu überwinden.Und was war das für ein Miniaturkrieg gegenüber dem heutigen Riesen-

*) Allerdings ist es England in letzter Zeit gelungen, den Sterlingkursin New York wieder zu heben; aber selbst derEconomist" bezweifelt, daß dasvon Dauer sein werde, da sich Englands Handelsbilanz 1915 um 227 Milk £schlechter gestellt habe als 1913 und sich weiter verschlechtere.