Druckschrift 
Die Kriegslasten und ihre Deckung / Georg Gothein
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

9

ringen! England kann den Krieg als Erschöpfungskrieg führen, aberseine und seiner Verbündeten Erschöpfung dürfte früher eintreten, alsdie der Zentralmächte. Davon hätten schließlich nur die VereinigtenStaaten von Amerika Vorteil. Allenfalls noch Japan , das damit freieHand in Asien erhalten würde. Es wäre der Selbstmord Europas .Amerika würde die Führung der Welt übernehmen.

Auch für Deutschland und seine Verbündeten ist die Finanzfrageeine äußerst ernste. Ein reiner Agrarstaat, wie Bulgarien , das erstseit wenigen Monaten im Kriege steht und gute Ernten hinter sich hat,kann ziemlich lange durchhalten, zumal nach der reichen Kriegsbeute,die es in Serbien gemacht hat und seitdem es den beträchtlichen Über-schuß seiner Landwirtschaft zu hohen Preisen an die Zentralmächteabsetzen kann. Aber freilich mit seinem Anleihebedarf war und bleibtes auf Deutschland angewiesen.

Für die Türkei liegt die wirtschaftliche Frage natürlich nochschwieriger. Militärisch ist sie durch die wiederhergestellte Verbindungmit den Mittelmächten völlig gesichert. Waffen, Munition, Offiziere,Truppen und aller Heeresbedarf können ungehindert bis zur Sinai-halbinsel, bis Mesopotamien und Persien gelangen. Aber freilich dieAusfuhr ist größtenteils abgeschnitten; nur über Bulgarien konnte sienacli Mitteleuropa wieder aufgenommen werden. Das eigene Land istnicht leistungsfähig. Die Kriegskosten müssen daher durch Kredit-operationen im Ausland aufgebracht werden. Das heißt: der deutscheKapitalmarkt muß in Anspruch genommen werden.

An dieser Quelle zapft auch Österreich-Ungarn . Wohl habenseine Kriegsanleihen überraschend guten Erfolg gehabt; freilich, wie-viel dabei auf die deutschen Zeichnungen entfällt, ist nicht ersichtlich.Bei dem ungünstigen Stand der österreichischen Valuta geben dieösterreichischen und ungarischen Anleihen für den deutschen Zeichnereine sehr hohe Verzinsung, die stark zu ihrem Erwerb anreizt. DerGrund des ungünstigen Kurses der Krone ist vor allem in der Unter-bindung der Ausfuhr zu suchen, verschärft durch die ungünstigen Erntender beiden Kriegsjahre, die auch eine Nahrungsmittelzufuhr nötigmachen. Mit der Wiedereroberung des größten Teils von Galizien ,wo die Ackerbestellung im Herbst 1915 vorgenommen werden konnte,wird sich das im folgenden Jahr wesentlich bessern. Die Ausfuhr vonIndustrieerzeugnissen wird dagegen aus Mangel teils an Roh-stoffen, teils an Arbeitern während des Krieges weiterhin versagen.Auch der Schuldendienst für die stark im Ausland untergebrachtenAnleihen wirkt nachteilig auf die österreichisch - ungarische Zahlungs-