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Die Kriegslasten und ihre Deckung / Georg Gothein
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Allerdings werden die Vereinigten Staaten von ihrer billigen Kohleprofitieren; ihre Eisenindustrie wird in anderem Maße als bisher Ausfuhr-industrie werden; aber all zu gefährlich kann die nordamerikanischeIndustrie schon aus Mangel an Arbeitskräften der europäischen nichtwerden. Die Vereinigten Staaten werden auch nach dem Kriege nochein überwiegender Agrarstaat sein, obgleich sie während desselben einengewaltigen Schritt zum Industriestaat getan haben.

Eine Kohlensteuer erfordert geringe Erhebungskosten und bringtgewaltige Erträge. Bei einer durchschnittlichen Belastung von 2 M proTonne (von 1000 kg) würde sich ein Ertrag von nahezu 600 Milk Mergeben. Natürlich müßte daneben her eine Besteuerung derWasserkräfte gehen. Rund der sechste Teil der Steuer würde vomAusland getragen werden.

Die Drohung Bonar Laws, England müsse den Krieg fortsetzen,auch wenn das zu seinem Staatsbankerott führe, ist nicht ernst zunehmen; denn wenn ein solcher drohen sollte, würde England schonlange vorher weder im eigenen Lande noch im Auslande Geldmittel mehraufbringen, geschweige solche seinen Verbündeten gewähren können,was doch nur unter der Garantie des englischen Staates möglich ist.England kann daher den Krieg nicht unbegrenzt weiterführen.

Wird nun Deutschland wirtschaftlich stark genug sein,die Kriegslasten nach dem Kriege zu tragen und allmählichabzubürden?

Das wird sehr schwer sein; aber Deutschland kannes und muß es.

Deutschland kann es: Seine Produktionsstätten sind unversehrtund die Welt hungert nach deutschen Waren selbst unsereheutigen Feinde. Allerdings werden wir zunächst bedeutende An-schaffungen an Rohstoffen, Nahrungs- und Futtermitteln machen müssenund mit Ausnahme von den sofort versandbereiten Kalisalzen, Farb-stoffen, Kohle usw., woraus uns gleich greifbare Gegenforderungen ansAusland erwachsen, wird einige Zeit vergehen, ehe wir das Geld fürunsere gelieferten Fabrikate erhalten. Dagegen dürfte mit Friedens-schluß unser erheblicher Besitz an ausländischen Effekten, besonders anamerikanischen und Minenshares, verfügbar werden, mit dem wir unserezunächst ungünstige Zahlungsbilanz ausgleichen können. Hoffentlichgelingt es uns auch, durch eine Kriegsentschädigung die Mittel zursofortigen Wiederherstellung des Markkurses auf auswärtigen Plätzenzu erlangen. Ist das erst einmal erreicht, so werden die deutschen Exporte ebenso wie die Frachtenvermittlung das Disagio der deutschen Währung dauernd verhüten. Freilich werden wir den Bezug ausländischerLuxuswaren lange stark einschränken müssen; wir werden ebensodarauf bedacht°sein müssen, Vergniigungs- und Erholungsreisen insAusland zu unterlassen - natürlich mit Ausnahme von Österreich-Ungarn.