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Die Gefahr des neuen Zolltarifs / Von Hermann Butzke
Entstehung
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daß Gelegenheitsgeschäfte in der ausgesprochenen Absicht getätigtwerden, den andern Teil zu schädigen. Wenn aber zwei Handelsleuteeinen Vertrag miteinander schließen, dann ist dieser nicht auf kurze Sichtgedacht, sondern entsprechend dem Wunsche beider Vertragschließendenso abgefaßt, daß er jedem sein Recht zukommen läßt, und es ist im Handelnicht üblich, anfänglich 100% mehr zu fordern, um dann auf einen an-gemessenen Preis herunterzugehen. Diese üble Sitte ist leider im Nach-kriegs- und Inflations-Deutschland zu großer Verbreitung gekommen,aber sie ist im Ausland beim ernsthaften und ehrbaren Kaufmann un-bekannt und war auch in Deutschland vor dem Kriege nicht bekannt.DieRegierung darf also allgemein nicht geachteteMethoden nicht im Verkehr mit Vertragsgegnernanwenden.

Vielleicht gilt aber der Entschuldigungsgrund, den man für die hohenSätze vorbringt, gar nicht, und vielleicht ist es der Regierung bittererErnst mit ihren Vorschlägen, denn schließlich ist in Deutschland einZolltarif nicht die Arbeit der Regierung, sondern vielmehr der Kreise,die an bestimmten Zollsätzen, seien es hohe oder niedrige, ein persön-liches Interesse haben. Die Arbeit dieser Interessentenkreise sehen wiran den Sätzen des neuen Tarifs.

Es ist nicht die Absicht dieser Schrift, einen Abdruck des neuenZolltarifs zu bringen, und deshalb können nicht alle Positionen besprochenwerden, besonders weil es einem einzelnen Menschen nicht möglich ist,alle Beweggründe für Erhebung oder Erhöhung von Zollsätzen zukennen. Es kann im Rahmen dieser Zeilen nur an Hand einzelner be-sonderer Fälle das System und seine Gefahren gezeigt werden. Wennwir zuerst einmal auf

die Frage der Lebensrnittel

eingehen, so sollte es eigentlich klar sein, daß die Versorgung der heimi-schen Bevölkerung mit wohlfeilen Lebensmitteln die Hauptsorge derRegierung sein müßte. Eine Zollerhebung auf Lebensmittel dürfteüberhaupt nicht in Erwägung gezogen werden, wenn nicht Kreise vor-handen wären, die an Lebensmittelzöllen ein Interesse hätten. Worinbesteht dies Interesse?

Der Reichsernährungsmimster Graf Kamtz hat im Juli eine Er-klärung über die Gründe abgegeben, die für die Erhebung von Zöllensprechen.

1. Die deutsche Volksernährung müßte sich in Zukunft vorzugs-weise auf die heimische Scholle stützen.

2. Maßvolle Agrarzölle würden nicht nur die heimische Agrar-produktion, sondern mit dem Steigen der Kaufkraft der Landwirtschaftauch die industrielle Produktion heben und somit bessere Arbeit undLohnbedingungen auch bei der Industrie schaffen.

Der erste Grund ist sehr national gedacht, und es fällt schwer, dagegenanzugehen, aber dieser Grund kann nur bei einem sehr oberflächlichdenkenden Menschen verfangen.

Die deutsche Scholle war schon im Frieden nicht imstande, diedeutsche Bevölkerung zu ernähren. Allein in Weizen haben wir in den

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