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Die Gefahr des neuen Zolltarifs / Von Hermann Butzke
Entstehung
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Jahren 19111913 eine Mehremfuhr von 20,67 Millionen Doppel-Zentnern gehabt. Nach Kuczynski haben wir in den Jahren 1912und 1913 im Durchschnitt 12% Millionen Tonnenmenschlicher und tierisc her Nah rungsmitteleingeführt. Diese uns fehlenden 12% Millionen Tonnen könnenwir heute nach dem Verlust der polnischen, nordschleswigschen undwestpreußischen ausschließlich landwirtschaftlichen Gegenden nochweniger aufbringen. Die deutsche Landwirtschaft hatte im Zolltarifvon 1902 ein Instrument, mit dem sie in der Lage hätte sein sollen, dieProduktion auf der heimischem Scholle so zu stärken, daß wir uns ausden Erträgnissen unseres Bodens hätten ernähren sollen.

Nach Brentano hat sich die Bevölkerung des Deutschen Reiches imJahre 1913 auf 67 Millionen Menschen gestellt gegenüber rund 62Millionen im Jahre 1922. Die Gesamtfläche Deutschlands ist von rund54 Millionen Hektar im Jahre 1913 auf rund 47 Millionen Hektar im Jahre1924 gesunken. Verloren gingen hauptsächlich ländliche Gegenden, diedie Korn- und Gemüsekammern des Landes waren. Gleichzeitig abersetzte ein Rückstrom von deutschen Bewohnern abgetretener Gebieteein, so daß die Bevölkerungsdichte auf 1 Quadratkilometer heute 131Köpfe beträgt gegenüber nur 123 Köpfen im Jahre 1910. Wir habenalso verhältnismäßig mehr Menschen im Lande beigleichzeitig verringerter Anbaufläche. Wir könnenalso die Volksernährung trotz des Vertrauens des Herrn Reichs-ernährungsmimsters nicht auf den Ertrag der heimischen Scholle stützen.

Wenn wir aber auf den 2. August 1914 zurückgreifen, so sehen wir,daß wir auch damals trotz der hohen Zölle von 5 M. pro dz auf Roggenund 5,50 M. für Weizen nicht in der Lage waren, unsere Bevölkerungzu ernähren, denn an ]enem Tage wurde nach den KriegserklärungenDeutschlands an Rußland und Frankreich als erste Kriegsverordnungder damaligen Bethmann Hollwegschen Regierung die Bestimmungin Kraft gesetzt, daß alle Zölle auf Lebensmittel zu fallen haben. Jene,noch heute m Kraft befindliche Bestimmung bezweckte, einen Anreizzu schaffen, dem Lande, das durch den Kriegsausbruch von den Welt-märkten abgeschnitten war, lebensnotwendige Bedürfnisse zuzuführen.Mit welchem Erfolge dies geschehen, wissen wir alle, und die Statistikder Sterbefälle an Unterernährung, die Verelendung der Alten undKinder, das Massenschlachten der Schweine, für die man kein Futterhatte, und das ganze Ernährungselend des Krieges haben uns gezeigt, wo-hin uns die Zollpolitik von 1902 geführt hatte. Der alte Zolltarif hattedie Preise für landwirtschaftliche Produkte wohl so erhöht, daß derLandmann sein Auskommen fand, aber er hatte nicht den Anreiz gegeben,die Produktion auf eine Höhe zu bringen, die der Bevölkerung ein Aus-kommen gab bei Ausfall ausländischer Einfuhren. Um wieviel schlimmerdie Lage heute wäre, zeigen uns die Ziffern der verlorenen Gebiete unddes Bevölkerungszuwachses im Verhältnis zu der verringerten Boden-fläche .

Wenn die Regierung also den alten Zolltarif als Schema für kommendeHandelsvertragsverhandlungen hervorholt und uns wieder Weizen- undRoggenzölle in der alten Höhe bescheren will, so können wir ermessen,

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