Bedarf decken. Die Regierung hat diese Ansichten bisher schamhaftverschwiegen. Aber eine weit rechtsstehende Zeitung setzte vor kurzemauseinander, daß an der starken Mehreinfuhr von Weizen „der ver-feinerte Geschmack der Stadtbevölkerung“ schuld sei und daß bei einerUmkehr zu stärkerem Roggenverbrauch die Ernährung der deutschenBevölkerung gesichert werden könnte. Man will also den Bedarf an be-stimmten Nahrungsmitteln einschränken, um Ersatz dafür in andernMitteln zu geben. Man vergißt, daß gewisse Mengen von Getreide oderanderen Feldfrüchten, die man als Ersatz oder Streckmittel verwendenmöchte, der Verfütterung für das Vieh dienten und daß man diese fehlen-den Mengen dann in Form von Viehfutter einführen müßte. Man würdealso ein Loch auf reißen, um ein anderes zuzudecken. Man kann sichin den Kreisen der Befürworter neuer Getreidezölle wenden wie manwill, man kommt nicht um die Tatsache herum, daß 12% MillionenTonnen an menschlichen und tierischen Nahrungsmitteln fehlen. Dasheißt: sie fehlten schon in den Jahren 1912—1913 bei der um mehr als7 Millionen Hektar größeren Grundfläche unseres Landes! Da in diesen7 Millionen Hektar ein großer Teil landwirtschaftlicher Boden war,so muß das Fehlquantum heute weit größer sein. Nach Brentano betrugdie Erntefläche pro Kopf in Ar:
1913
1922
für Roggen.. . . .
.9,60
6,60
für Weizen.
.2,95
2,20
für Spelz.
.0,41
0,20
für Gerste.
.2,47
1,86
für Kartoffeln.
.4,31
4,39
Aus diesen Ziffern sehen wir, daß em Einholen der fehlenden 12%Millionen Tonnen nicht möglich und daß auch em Ersatz vonfehlendem Weizen durch Roggen ausgeschlossen ist, weil die Ernteflächeauch in Roggen bedeutend zurückgegangen ist. Die einzige Zunahmesehen wir bei Kartoffeln, und diese Ziffer ist die betrübendste, weil ausihr die Not der deutschen Bevölkerung am klarsten hervorgeht, denn manmußte diese, die Hauptnahrung des Volkes bildende Frucht, der allge-meinen Not wegen, am stärksten im Anbau steigern. Mit der sinkendenAnbaufläche und dem sinkenden Ertrag muß auch die Aufzucht vonVieh sinken, und sie bedeutet eine neue schwere Gefahr für die Ernährungunseres Volkes. Daß hohe Getreidepreise hohe Brotpreise bedingen,wird von niemand mit Ausnahme agrarischer Kreise bestritten. DerReichsernährungsminister hat allerdings in seiner Begründung für seineZollvorschläge bestritten, daß hohe Getreidezölle auf den Brotpreiseine ausschlaggebende Wirkung haben. Aber es ist nicht anzunehmen,daß jemand, der nicht daran glaubt, daß bei der Regierung alle Weisheit,bei den Bürgern aber nur beschränkter Untertanenverstand vorherrscht,dieser Behauptung seine Zustimmung gibt, und so müssen wir leider er-warten, daß mit steigenden Zöllen für Getreide auch die Brotpreisesteigen. Nach den Berechnungen zur Zeit der Einführung des letztenZolltarifs beträgt die Belastung eines Arbeiters bei einem Zoll von 5 M.für 100 Kilo das Arbeitseinkommen von 12 Tagen. Da das Einkommen