Der Leinenweber und der Tuchmacher haben nur e 1 n Interesse:ihr Garn möglichst billig zu kaufen. Der Spinner aber hat das umge-kehrte Interesse: möglichst hoch zu verkaufen. Solange der SpinnerKonkurrenten hat, die ihn vielleicht unterbieten, regelt sich der Preis imfreien Wettbewerb durch Angebot und Nachfrage. Heute hat der Spinnerkeine Konkurrenz zu fürchten. Mit den neuen Sätzen, selbst bei Auf-hebung etwaiger noch bestehender Einfuhrverbote, schließt der um100% höhere Zollsatz die Einfuhr ausländischen Garns aus. Wenn wirdiese Gedankengänge verfolgen, so erhellt sich das Dunkel, das über denSätzen des neuen deutschen Zolltarifs und über ihr Zustandekommenwaltet, und wir sehen, daß die UrsachederProhibitivzöllein dem Eigeninteresse deutscher M onopolinhaberwurzelt.
Je stärker in einem Lande der Zollschutz, um so mehr wird die Bildungvon Kartellen gefördert. Nun brauchten Kartelle absolut nicht eineGefahr für die Allgemeinheit bedeuten. Aber leider erleben wir, daßmächtig gewordene Kartelle sich nicht darauf beschränken, die Interessenihrer angeschlossenen Mitglieder zu wahren; sondern sie gehen darüberhinaus und schalten vor allem auf dem Inlandsmarkt jede Konkurrenzaus. Solange sie nun noch die Konkurrenz des Auslandes zu scheuenhaben, wird dieser Versuch in sich zusammenbrechen. Bei uns mDeutschland hat der unglückselige Krieg aber ein Erstarken der Kartelleund Syndikate gebracht, das die größte Gefahr für unser wieder auf-strebendes Land ist. Durch den Krieg zuerst von der Regierung in dendamaligen Zentralstellen der Industrie zur Selbstverwaltung ihrer Be-rufszweige berufen, später mit der Regelung der Ausfuhr in den Außen-handelsstellen betraut, waren die Kartelle in der Lage, den VerbrauchernPreise, Konditionen und alles übrige so vorzuschreiben, wie es ihnenrichtig erschien. Der Verbraucher war den allmächtigen Syndizi derVerbände auf Gedeih und Verderb ausgehefert. Man erzählt sich, daßin den letzten Wochen die Verbraucher eines bestimmten Fabrikats,das in einem Kartell zusammengefaßt war und zur Verarbeitung in anderenIndustrien verwendet wird, bei der Regierung vorstellig wurden, um dieÖffnung der Grenzen zu fordern und durch die Konkurrenz des Aus-landes eine Senkung der Preise herbeizuführen. Veranlaßt wurde derSchritt durch die im Zeichen des Preisabbaues beschlossene 15 %igePreiserhöhung jenes Kartells. Die Folge war, daß das Kartell erklärte,gegenüber den niedrigen Auslandspreisen könne es nicht existieren, undwenn die Grenzen für fremde Waren geöffnet würden, dann müßten diedeutschen Kartellfabriken einfach ihre Belegschaften entlassen und dieBetriebe schließen. Gegenüber dieser rücksichtslosen Drohung mußteman trotz Kartellgesetzes die Segel streichen, und das betreffende Fertig-fabrikat kann nur auf dem Inlandsmarkt zu hohen Preisen abgesetztwerden, und der Export ist wegen der billigeren Auslandspreise un-möglich. Soweit die Kartelle aber selbst an das Ausland verkaufen, sindsie durch ihr Monopol auf dem Inlandsmarkt in der Lage, dem heimischenVerbraucher so hohe Preise vorzuschreiben, daß sie ihre Unkosten zumgrößten Teile aus den Verkäufen auf dem Inlandsmarkte decken und siekönnen dann nach dem Ausland zu weit niedrigeren Preisen veikaufen.