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Bismarck posthumus / von Ludwig Bamberger
Entstehung
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bei Bismarcks Lebzeiten durch aufmerksame und VorurtheilsfreieBeschäftigung mit dessen Denken und Thun vorbereitet hatte,desto mehr wird er Licht- und Schattenseiten in Allem, Mas ausdiesem nachgelassenen Werke spricht, bestätigt finden. Und dazuhat auch der mittheilsame Kommentar seines unverschwiegenenGeheimschreibers einen namhaften und übereinstimmenden Beitraggeliefert. Es ist immerhin belehrend, auch die Rückseite desStramins zu sehen, aus dem die Fäden ungeglättet ineinanderlaufen.

In den Tagen feiner Macht ist von Solchen, die ihmprinzipiell ablehnend gegenüberstanden, nicht selten bestrittenworden, daß er den historischen Namen eines Großen Mannesverdiene. Sie stützten sich aus die Behauptung, daß ihm dasBollmaß moralischer Größe abgehe. Käme es darauf an, sowürde der Inhalt dieser nachgelassenen Blätter an diesem Ver-dikt nichts ändern. Man kann nicht sagen, daß er, gerade uuterdiesem Gesichtspunkt betrachtet, imposanter daraus hervorgeheals zu Lebzeiten. Aber der eousknsus Zentium, welcher alleinden historischen Größentitel verleiht, läßt sich weder von per-sönlichen Machtsprüchen noch von peinlichen Sittenrichtern etwasvorschreiben. Und dieser Konsens steht längst so sest, daß essich geradezu komisch machen würde, wollte man sich erst nochanstrengen, um die zu widerlegen, welche dem Gründer desDeutschen Reichs den Weltruf eines großen Staatsinannes unddamit eines großen Mannes im schwierigsten der menschlichenBerufszweige absprechen wollen. In früheren Iahren verwahrtesich einmal Bismarck in einer Reichstagsrede selbst dagegen, daßman ihn, wie ein Redner eben gethan hatte,genial" nenne.Er wollte dahinter eine etwas zweideutige Uebertreibung sehen.Der brummige Grillparzer pflegte zu sagen:Wer mich einGenie nennt, dem schlag ich eins hinter die Ohren."

Aber die Gestalt der heutigen Welt, nicht bloß der deutschen,trägt die Spuren von Bismarcks Schaffen in so tiefen Zügen ein-gegraben, daß kein Anderer für ihn zu sprechen braucht. Wasan diesen zwei Bänden so anziehend wirkt, ist gerade, daß sie einebesondere Art der Einsicht gewähren in die Werkstätte dieserGeistesarbeit und aus dem Reiche der Gedanken heraus die Leistung