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Alt, Mann und Weib pilgerte, im Tempel des Heroen seine-An-dacht zu verrichten. Der Bismarck-Kultus ward Mvde. Ver-zückte Barden und aufgeregte Damen veranstalteten ihre Wall-fahrten, wurden menschenfreundlich zugelassen und wanderten,mit — immer noch gewürzten — Reden, hie und da mit kleinenReliquien beglückt, nach Hause, ihre Begeisterung weiter ver-breitend. Es kam eine Art Bismarck-Snobbism auf.
Der Heroenkultus hat auch manches Gute, obwohl seineApostel nicht gerade unter den Menschenfreunden zu suchen sind.Carlhle, der ihn theoretisch in die Geschichtsphilosophie eingeführthat, ist doch, genau besehen, eigentlich nur ein christlich gläubigerNietzsche. Es läßt sich neben dem Niederdrückenden, das beideaus der Verehrung des Uebermenschen herausdestilliren, auch desErhebenden Manches dafür ableiten, daß der Alltagsmensch zurdankbaren Begeisterung für die Bevorzugten seinesgleichen, indenen er sich geehrt und gehoben sühlt, erzogen wird. DiesWohlgefühl ist der armen Menschheit zu gönnen. Kein Neid,kein Streit soll es ihr rauben. Man nannte dies Raubeu miteinem besonders dazu abgestempelten Wort das „Nörgeln" seitensderer, die in ihrer Andacht überhaupt uicht irre gemacht seinwollten.
Allein die Andacht, welche, rein menschlich, schön sein kann(das läßt sogar von Lourdes sich denken), ist eine gefährlicheBeimischung politischen Verhaltens. Zur Zeit der ersten fünf-ziger Jahre, als ich nach Frankreich kam, fand ich die Ver-wünschungen an der Tagesordnung, welche die liberalen Leutegegen die Muse Verangers schleuderten, als des Mannes, derdurch seine Pvputarisirung der Napoleonischen Legende sein Theilzur Wahl und zum Staatsstreich des Napoleoniden beigetragenhabe. Und so zähe und triebkräftig ist noch immer dieselbe Legende,daß trotzdem und trotz 1871 bis auf diesen Tag ihr nicht dieWunderkraft auf die Gläubigen abgesprochen werden kann. Wärein Deutschland etwas denkbar, wie eines jener ehemaligen fran-zösischen Plebiszite, wer wollte verbürgen, daß in vielen Land-strichen, z. B. in der bayerischen Pfalz und in Baden nicht dieMehrheit der Stimmen auf den Sohn Bismarcks fiele! Im ver-jüngten Maßstab kam es auch so, daß der Kultus des beweinten