Inhalt und Aufbau von ,,Krieg"Als ,,Krieg" zunächst als Vorabdruck in der renommierten Frankfurter Zeitung, dann zum Jah-resende 1928 auch in Buchform erscheint, avanciert das Buch neben Erich Maria Remarques,,Im Westen nichts Neues" und Arnold Zweigs ,,Der Streit um den Sergeanten Grischa" raschzu einem Bestseller.Renns Schilderung setzt kurz vor Beginn der Kämpfe ein, am Tag der deutschen Mobilma-chung, dem 1. August 1914 der Bericht endet im Herbst 1918 vor dem Hintergrund desmilitärischen Zusammenbruchs. Im erzählerischen Mittelpunkt steht der Gefreite, zu Kriegs-ende dann Vizefeldwebel Ludwig Renn, der als Ich-Erzähler seine Kriegserlebnisse in Belgienund Frankreich sowie im Heimaturlaub in streng chronologischer, tagebuchnaher Form wie-dergibt. Die erzählte Zeit umspannt mithin den gesamten Kriegsverlauf, was in vergleichba-ren, literarischen Zeugnissen in der Regel nicht der Fall ist Remarque etwa beschränkt aufdas letzte Kriegsjahr. Dies eröffnet mehr Erzählspielraum: Der Autor kann die Entwicklungder Hauptfigur einerseits über die vier Kriegsjahre beschreiben, andererseits den Krieg alszentrale Bezugsgröße nicht nur anhand punktueller Ereignisse, sondern breitangelegt imzeitlichen Gesamtablauf darstellen.Entsprechend gliedern sich Inhalt und Aufbau des Buchs fast minutiös wie ein Kriegstage-buch: Die drei Teile über schrieben ,,Vormarsch", ,,Stellungskrieg" und ,,Zusammenbruch" -bilden die Hauptphasen des Kriegsverlaufs ab. Hierin bettet der Autor dann die insgesamtzwanzig Kapitel seines Werks ein, in denen immer aus der Sicht des einfachen Soldaten -abwechselnd die historischen Ereignisse und die Erlebnisse der Hauptfigur zusammengeführtwerden. Es entsteht somit eine strukturierte Gesamtkomposition, die die Wegmarken desKriegsverlaufs die Schlachten an der Maas, der Marne, der Somme und der Aisne oder dieMärzoffensive 1918 mit Kapiteln verknüpft, die repräsentative Episoden aus dem Solda-tenalltag wiedergeben. Der dokumentarische Ansatz wird bereits signalisiert, insofern in al-ler Regel Ortsbezeichnungen als Kapitelüberschriften gewählt werden.Es stellt sich eingangs aber die Frage, warum der adlige Gardeoffizier Vieth von Golßenaufrüh entschied, einen ,,Mann aus dem Volk", den Tischlergesellen Ludwig Renn zur Hauptf i-gur zu machen? Eine nicht unwesentliche, persönliche Rolle wird gespielt haben, daß sichder Autor wie wir gehört haben zu jenem Zeitpunkt schon deutlich von der angestamm-ten Offizierkaste distanziert hatte. Eine prägnante Antwort liefert Ludwig Renn in einemNachwort von 1948:Nicht der Offizier war es gewesen, dessen Handlungen mir an der Front imponiert hatten, sondern dernamenlose Soldat, dessen Wärme und Hilfsbereitschaft ich in der schwersten Not der Kämpfe so starkmiterlebt hatte. Ihn zu ehren, machte ich zum Helden meines Buches nicht einen Offizier, wie ich es ge-wesen war, sondern einen Soldaten aus der Masse.20Diese Entscheidung ist aus Renns Sicht zugleich die Gewähr, die Schilderung möglichst reprä-sentativ zu gestalten und sie stellt sicher, nicht der ,,Heldenverehrung" zu verfallen:Weshalb habe ich nicht einfach das niederge schrieben, was und wie ich es erlebt habe?[...] Dafür gibt esmehrere Gründe. Einer war meine Erkenntnis: In der modernen Schlacht spielt die Eigeninitiative deseinzelnen Soldaten eine Rolle[...]. Von diesen unscheinbaren Personen wollte ich berichten, die ich alsdie wahren Helden des Krieges achten und lieben gelernt hatte. Keiner der Kriegsberichterstatter oderSchreiberlinge[...] hat von ihnen geschrieben, weil sie[...] immer nur auf der Jagd nach weithin sichtb a-5
Dokument (Elektronische Erstveröffentlic [...]
Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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