ren individuellen Heldentaten waren. Was dab ei herauskam, waren Phrasen, die wir ,,Frontschweine"nur verachteten, weil da alles falsch oder schief war.21Bereits in den Eingangskapiteln wird deutlich, daß die Hauptfigur nicht dem Stereotyp desVorzeigesoldaten entspricht, der unter Hurrarufen blumengeschmückt in die Schlacht zieht.Der allgemeine Kriegstaumel, dem sich alle anläßlich der Mobilmachung hingeben, wird his-torisch korrekt dokumentiert läßt den Gefreiten Renn aber kalt:,,Freust du dich nicht?" fragte er.,,Doch!" sagte ich frostig.,,Du bist nicht unten[bei der Feier] geblieben?",,Ich kann das Gerede nicht leiden!"(Krieg, 8)In sich gekehrt beschäftigt die Hauptfigur die bevorstehende ,,Todesgefahr"(Krieg, 8); auchdie Kriegsbegeisterung der Bevölkerung nimmt der Protagonist reaktionslos zur Kenntnis:,,Wie 1870!" hörte ich leise sagen und begegnete einem Altherrengesicht, aus dem mich zwei graue A u-gen freundlich ansahen. ,,So ging ich damals auch hinaus", sagte er zu mir, und ich war vorüber und sahandre Menschen.Ein Nelkenstrauß flog mir an die Brust. Ich fing ihn grade noch und sah mich um. Am Straßenrand standeine und lachte mich unter einem tiefsitzenden Hut an.(Krieg, 9),,Bleibe treu und halte Dich recht, das ist alles was ich Dir schreiben kann", teilt ihm seineMutter in ihrem letzten Brief mit(Krieg, 8). Diese Eingangspassage und weitere Szenen ge-nügen, um die Hauptfigur als introvertierten Menschen zu zeichnen, der den Kriegsdienstinnerlich unbeteiligt wie jede andere auferlegte Pflicht erfüllt:Ich nahm den schweren Torniste r auf den Rücken.[...] Einige kamen hereingepoltert. Ich ging noch ei n-mal auf den Abort und dann die Treppe hinunter zum Antreten. Ich hatte das Gefühl, daß meine Augenganz außer mir umhersähen, während ich selbst ganz in mir war. Meine Beine bewegten sich, das Ge-päck war schwer, aber das hatte mit mir nichts zu tun.(Krieg, 8)Der Gefreite Renn entspricht ganz jenem ,,Soldaten aus der Masse", den der Autor in denMittelpunkt seines Werks stellen wollte. Als ,,Durchschnittssoldat" reflektiert er zu Anfangweder sein Schicksal noch macht er sich einen Begriff von den historischen Umständen. Rennwirkt streckenweise wie eine Marionette ohne eigenen Willen, aber auch ohne innerlichenBezug zu seiner Umwelt oder tiefere Einsicht in die aktuelle Situation. Während des Marschsan die Front kommt es zu einer in dieser Hinsicht vielsagenden Begegnung mit einem Belgi-er:Rechts stand ein kleines Haus. Ein Mann lehnte an der Tür[...] und stierte uns an. Der Mann haßte uns.Weshalb muß man sich hassen, wenn man gegeneinander Krieg führt?(Krieg, 16)Der Autor hat das Credo, den Krieg authentisch dokumentieren zu wollen. So ist bezeich-nenderweise nicht eine Heldentat, die die Hauptfigur auf sich selbst zurückwirft. Im erstenGefecht ist es vielmehr das Erleben der eigenen Feigheit, die dem Gefreiten Renn eine erste,unsichere Ahnung über die eigene Zwangslage und seine Verantwortung gegenüber denSchicksalsgenossen vermittelt:Als ich dort oben war, war ich noch nicht feige! Vorhin. Feigheit ist es doch nicht. Ach, ist es denn kei-ne Feigheit, wenn man den Kopf verliert vor ein paar Schüssen![...] Jetzt liegt der fremde Leutnant dort6
Dokument (Elektronische Erstveröffentlic [...]
Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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