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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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vorn tot. Der ist nicht feige gewesen, der ist ehrlich gefallen. Und liegt dort tot! ­ Das war mir plötzlichso schrecklich.Und ich habe meine Leute von dort drüber vorgelockt, und weshalb? Weil ich nicht feige aussehen woll-te![...] Also ob ich nicht die Feigheit, die Angst in mir gehabt hätte![...] Und ich war doch ausgerissen;denn wir hatten gelernt, daß man nicht zurückgehen darf[...]. ­ Auf einmal gähnte in mir ein Gedanke:Wären wir vorn geblieben, wären wir jetzt tot, und wofür? Ganz nutzlos. Dann hätte ich[...] die anderngeopfert. Ich mußte also schuldig werden, was ich auch tat.(Krieg, 29f.)Die Erfahrung der Panik und des Versagens ist der Auslöser, damit sich der Protagonist -zuvor eher teilnahmsloser Betrachter, sozusagen ,,Mitläufer" ­ als Handelnder begreifenlernt, der die Ereignisse beeinflussen kann. Diese Individualisierung vollzieht sich äußerststockend, ganz auf emotionaler Ebene, bewirkt aber direkt ein sich allmählich stärkendesGemeinschafts- und Verantwortungsbewußtsein, das die Hauptfigur aktiv ins Gescheheneingreifen läßt.Der Autor bettet das persönliche Erlebnis in konkrete, historische Ereignisse ein: Das ersteHauptkapitel berichtet nur nebenläufig über die Kämpfe zwischen Deutschen und Franzosenan der Maas. In erster Linie ist dokumentiert es Geschehnisse, die als ,,Massaker von Dinant"in die Geschichte eingingen: Am 23. August 1914, während des Durchmarschs durch dasneutrale Nachbarland, verübten deutschen Truppen an der Zivilbevölkerung der walloni-schen Stadt die erste und schwerste Massenhinrichtung des Krieges ­ angeblich, so wurdekolportiert, weil belgische Freischärler deutsche Soldaten aus dem Hinterhalt angriffen. Mitinsgesamt 674 Opfern, darunter viele Frauen, Kinder und Alte, wurde etwa zehn Prozent derStadtbevölkerung ermordet; ferner zerstörten die Deutschen knapp zwei Drittel der Gebäu-de der Stadt.Der Autor Renn, der als Zugführer an den Ereignissen teilnahm, widmet dem Massaker spä-ter ein Kapitel seiner Memoiren. Darin heißt es unter anderem:Ich[...] sah an einem Mäuerchen[...] einen Menschenhaufen liegen. Soweit ich erkennen konnte, mu ß-ten es Erschossene sein, Männer, Frauen und Kinder, wirr durcheinander. Mir schien, daß einige nichttot waren, sondern sich im Leichenhaufen bewegten. Daran vorbei gingen unsere Grenadiere, in derHand die Deckel ihrer Feldkessel, in die sie von den Köchen einen Schlag Essen bekamen.Da kam[...] der Rittmeister von Rochow und sagte mir fröhlich: ,,Wir haben dort hinten Bier gefunden.Kommen Sie doch auch dorthin! Unsern Sieg feiern!"22Renn hält fest, damals halbwegs selbst vom Hinterhalt der Freischärler überzeugt gewesenzu sein.23Später sieht er seinen Irrtum ein und erklärt sich bereit, vor Gericht zur Aufklärungdes Kriegsverbrechens beizutragen. Auf seine Aussage wird kein Wert gelegt, und das Ver-fahren im Rahmen der ,,Leipziger Prozesse" in den 1920er Jahren gerät, wie man erwartenkann, zur Farce.Zurück zu Renns Buc h: In ,,Krieg" ist auch der Protagonist überzeugt, er und seine Kamer a-den würden von Heckschützen attackiert. Erzähltechnisch ist dies die Voraussetzung, daß dieHauptfigur sozusagen aus der Masse heraustreten und gegenüber einem Vorgesetzten dieInitiative ergreifen kann:[Feldwebel] Ernst kam herauf und hielt dem lächelnden Mann ein Pack Patronen hin. Der zuckte dieAchseln und sagte etwas. Ernst verhandelte mit den beiden Männern.[...] Meine Angst stieg.,,Hier gibt's nichts!" sagte Ernst auf einmal deutsch. ,,Sie werden nach Kriegsrecht erschossen!"Davor hatte ich mich gefürchtet, aber jetzt war ich auf einmal ganz kühl.7