,,Verzeihen, Herr Feldwebel!" sagte ich und wunderte mich über meine Ruhe. ,,Das ist vielleicht Krieg s-recht, aber wäre es nicht besser, ihnen zu sagen: Wenn ihr die Verwundeten dort drüben holt, ist die Sa-che erledigt[...]."Ernst sah mich überlegend an. ,,Verdient haben sie es ja nicht!"[...]Ernst schickte sie fort und stellte einen an die Tür mit der Weisung, sofort zu schießen, wenn sie einenFluchtversuch machten.(Krieg, 36)Diese und weitere Szenen machen deutlich, daß sich die Hauptfigur sich in einem Über-gangsstadium befindet. Der Schock der Ereignisse löst eine Art innerer Wandlung aus, diezunächst nur gefühlmäßig erfahren wird:Mir war sonderbar zumut. Ich hatte sofort, als ich aufwachte, alles gewußt, was geschehen war, unddoch, es war anders. Die Geschehnisse waren weit weggerückt. Ich fühlte mich wunderbar rein undleicht, wie ein Kind.(Krieg, 38)Das Erleben des eigenen Versagens und der grausamen Realität der Schlacht haben einenEntwicklungsprozeß in Gang gesetzt, der unumkehrbar ist:Ich wollte nicht mehr daran denken. Ich wollte das alles vergessen. Aber das kam immer von unten herwieder, und jedesmal dumpfer.(Krieg, 41)Die folgenden Kapitel wechseln wieder den Fokus und schildern den Soldatenalltag, der sichzwischen endlosen Märschen, schlechter Verpflegung, monotonen Nachtwachen und gele-gentlichen Gefechten abspielt. Anhand verschiedener Episoden wird einer neuer, wesentli-cher Erzähl- und Themenstrang entwickelt: Krieg als ,,Routine". Im Zentrum steht der körpe r-liche, geistige und emotionale Verfall der Soldaten zu einer so der Autor später ,,stump f-sinnig gehaltenen Masse",24deren Gestaltung als wichtiges Element fungiert, um die Wirk-lichkeit des Kriegs zu dokumentieren. Erschöpft und verroht wird das Töten gleichsam me-chanisch verrichtet der Tod von Kameraden und Gegnern wiederum wird gefühllos zurKenntnis genom men. ,,Wenn man nur etwas Richtiges zu denken hätte"(Krie g, 53), beklagtder Protagonist ein Gespräch, in dem dann jedoch erstmals die Sinnfrage gestellt wird,bricht bezeichnenderweise ergebnislos ab:,,Und was soll das Militär für einen Sinn haben?" fragte ich ohne eigentliches Interesse.,,Das kann ich dir auch nicht sagen. Aber wie soll unser Schicksal je ein Umweg sein?",,Du glaubst also, daß das Leben ganz genau auf ein Ziel losgeht?",,Ja, so ähnlich muß es sein."Nach einer Weile stand er auf und legte sich schlafen. Anfangs war ich angeregt. Dann aber wurde ichsehr müde.(Krieg, 53)Die stets nüchterne, sachliche Sprache wie die sehr kurzen, gegenständlichen, oft ins Leerelaufenden Dialoge verweisen auf einen wichtigen, erzählsprachlichen Zusammenhang. Woder Leser, wie im vorherigen Beispiel, eine tiefschürfende Diskussion erwartet, bricht derAustausch nach wenigen Sätzen ab, da wie Ludwig Renns Memoiren erläutern ,,langatm i-ge Erörterungen über den Krieg und seinen Sinn"25im Schützengraben schlicht nicht statt-fanden, demnach ein nicht authentisches Bild vermitteln würden. Umgekehrt lehnt Rennaber auch die naturalistische Wiedergabe ab: ,,Was die Landser wirklich sagten", so die M e-moiren, ,,interessierte mich nicht, weil es ihre Bedrücktheit verbarg und banal war".26RennsAbsicht ist demgegenüber, daß Dialoge, wie es heißt, vorrangig ,,den Charakter einer Figurund ihre Stimmung klarmachen" sollen.27Die sprachliche Verschlossenheit der Hauptfigur,8
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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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