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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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sals, ihrer Berufung sich bewußt werden, sollte endlich die Ahnung dämmern, daß vergessen schuldigwerden heißt, schuldig an den Künftigen, die blind, wie wir es waren, dem neuen Krieg entgegenwach-sen?61Ernst Tollers Hoffnung wurde zunichte gemacht. Die materiellen, politischen und geistigenVorbereitungen für den nächsten Weltkrieg liefen bereits auf Hochtouren. Einen Eindruckvermittelt der zeitgenössische Verriss des unsäglichen Erich Limpach, der selbst 1924 mit,, Krieg! Tagebuchblätter eines Kriegsfreiwilligen" vorgelegt hatte. Im ,,Völkischen Beobac h-ter" ruft Limpach zum Boykott von Remarque, Renn, Glaeser und von der Vring auf:Augen auf, deutsche Frontsoldaten und Nationalisten, man sucht an euer Heiligstes zu tasten. Gebt denFeinden unseres Volkes, den Verächtern alles Heldischen die rechte Antwort: Kauft Kriegsbücher deut-scher Nationalisten! Denn euer Vater war der Krieg. Die Augen von Millionen toter Brüder sind auf euchgerichtet. In euren Händen liegt die Zukunft unseres Volkes. Kampf ist eure Sendung ­ euer Schicksal.62Ludwig Renn sieht die Chancen, die Weiskopf, Siemsen, Toller und viele andere erkennen,deutlich nüchterner. Rückblickend zweifelt er, ob das zeitgenössische Interesse an der Antik-riegsliteratur doch nicht nur eine Episode darstellte:Ich sah in meiner Umgebung, wie trotz der Niederlage von 1918 ein sehr schädlicher, übersteigerter Na-tionalismus weiterbestand und man die Wahrheit über den Krieg nicht hören wollte. Ich versuchte, inGesprächen den Menschen klarzumachen, wie der Krieg in Wirklichkeit aussah. Damit erreichte ich abernichts, auch nicht bei Personen, die weit davon entfernt waren, zur herrschenden Klasse zu gehören,und sich für revolutionär hielten.63Und deutlich erteilt er der Vorstellung eine Absage, die neue Antikriegsliteratur könne demNiedergang etwas entgegensetzen. Dazu sei, konstatiert Renn, die Wahrnehmung zu ober-flächlich, vor allem aber der richtige Zeitpunkt Ende der 1920er bereits verstrichen:Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte[...], wurde das Buch plötzlich angenommen, gedruckt undbinnen weniger Wochen ein Welterfolg. Was war der Grund dazu? Der Kapitalismus hatte sich inDeutschland wieder gefestigt und ein Krieg stand nicht unmittelbar bevor. Da konnte sich die herr-schende Klasse ein bißchen Wahrheit über die vergangene Periode leisten. Ich sage ,,ein bißchen Wah r-heit", denn bei meinem nächsten Buch[...] war es schon zu viel Wahrheit, und kein bürgerlicher Verlagwollte es nehmen.[...] Nun ging es dem Faschismus entgegen.64Das weitere Schicksal von Renns ,,Krieg" soll abschließend nicht unerwähnt bleiben: Obwohldie Nationalsozialisten Renn in der Nacht des Reichstagsbrands direkt verhaften und zuzweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilen, wird sein Buch nicht verboten oder Opfer der Bü-cherverbrennung. Diese seltsame Reaktion der Machthaber sieht der Autor selbst bereitseinige Jahre zuvor in der Gestaltung seiner Hauptfigur begründet:Mein Held gehorcht, weil er nicht weiß, um welches Zieles willen er nicht gehorchen sollte. Sie brauchensolche Ludwig Renns, die blind gehorchen und die kein Ziel mehr haben, weil man ihnen alles zerstörthat. Sie brauchen sie für ihre Reichswehr und für ihre Bürgerkriegsorganisationen.65Notizen zum weiteren LebenswegLudwig Renns weiterer Lebensweg, den ich abschließend noch kurz skizzieren möchte, isteng verknüpft mit dem Kampf gegen den Nationalsozialismus und Faschismus in Deutsch-land und Europa.17