genössischen Rezensionen zu Renns ,,Krieg": Der niederländische Schriftsteller HendrikMarsman zum Beispiel spricht Renns Buch die ,,Kraft der Erschütterung und der Reinigung"rundweg ab; das Werk sei nur ein weiteres Zeugnis der ,, Heuschreckenplage der Kriegslitera-tur", die ,,eine der abscheulichsten Moden der Gegenwart" darstelle.53Eine euphorischeKritik formuliert das exakte Gegenteil: Grade der ,Erschütterungsfaktor` und der ,,sittlich[e]Gehalt"54zeichneten ,,Krieg" aus und verpflichteten zu dessen Lektüre. Freilich hat der R e-zensent des Publikationsorgans der Reichwehr-Fachschule eine gänzliche andere Klientel alsRenn im Sinn, nämlich ,,[u]nser nachwachsendes Soldatengeschlecht",55dem das Werk sozu-sagen als Gebrauchsanleitung für künftige Kriege dienen sollte.Die beiden Rezensionen, die kaum gegensätzlicher sein könnten, verweisen zurück auf dieFrage, wo der Auslöser für die steigende Konjunktur von Kriegsliteratur am Ende der Weima-rer Republik zu suchen ist. Als einer der ersten bringt diesen Punkt der deutsch-tschechischeSchriftsteller Franz Carl Weiskopf in einer Sammelbesprechung zu Renn, Remarque und an-deren zur Sprache. Weiskopf hält fest:Ein Jahrzehnt lang war der Krieg als literarisches Thema bei der ,,großen Literatur" und der ,,großenPresse"[...] verpönt. Man wollte vom Krieg nichts wissen, nichts hören... Und dann: Krieg, das war eine[...] für lange, lange Zeit hinaus erledigte Angelegenheit.Und jetz t[...] schießen auf einmal die deutschen Kriegsbücher wie Pilze in die Höhe; jetzt wird der Kriegplötzlich literaturfähig! Wie kommt das? Die Antwort ist einfach: Trotz aller Antikriegspakte und Abrüs-tungsversprechungen dämmert immer weiteren Schichten des künftigen Kanonenfutters die Erkenntnisauf, daß sich ein neuer Weltkrieg unaufhaltsam nähert.56Für die Autoren des demokratischen Spektrums wird eine gemeinsame Wurzel konstatiert:Die deutschen Kriegsbücher der letzten Zeit sind der literarische Protest jener Generation, die in der Blü-te ihrer Jugend vom Krieg erfaßt und aufs grausamste dezimiert wurde; ein Protest, der noch unklar undverschwommen in seinen Zielen und Absichten ist, der aber offensichtlich einem großen gemeinsamenImpuls entspringt: der Angst vor einer Wiederholung der stählernen Badekur.57Erkennt Weiskopf also eine politische Stoßrichtung, ergänzt die Pädagogin, Politikerin undAutorin Anna Siemsen die sozial-psychologische Dimension. Sie hält fest, daß[...] nach dem Kriege sehr bald ein e Zeit[kam], in der die, die man so Publikum nennt, nichts vom Kriegehören wollten. Es war bestimmt nicht nur das drängende Geschehen, die drückende Not dieser Nach-kriegsjahre, die keine Zeit für Erinnern und Besinnung ließen, es war vielmehr wohl dies die Ursache,daß man sich der beklemmenden, grauenvollen Erinnerungen überhaupt entledigen wollte. Man dräng-te sie ins Unbewußte. Man wollte, daß der Krieg erledigt sei.58Wenn nun ,,eine ausgesprochene Konjunktur für Kriegserinnerungen", ja ,,Weltkonjunktur"zu beobachten sei,59kann dies für Siemsen nur eine Ursache haben:Der als Vergeßlichkeit so mächtig arbeitende Erhaltungstrieb bedarf einer bestimmten Zeit, um Eindrü-cke des Grauens so zu verdrängen, daß sie ihre Wirkung verlieren. Die dafür notwendige Zeit scheintjetzt abgelaufen.60Der Schriftsteller und Revolutionär Ernst Toller, selbst Kriegsveteran, verdichtet diese Hoff-nung in einer Besprechung von Remarques ,,In Westen nichts Neues":Sollte endlich die Mauer des Vergessens, gefügt aus Trägheit des Herzens und Gier nach neuen Sensati-onen durchbrochen sein, sollte endlich die Generation derer, die den Krieg erlebt haben, ihres Schick-16
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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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