Eines Morgens entschloß ich mich, die psychologisierende Selbstbespiegelung aufzugeben und nüchterndie Tatsachen niederzuschreiben, in deren Rahmen das entstanden war, was man Erlebnisse nennt.47Dieser Entdeckung der ,,Sachlichkeit",48wie er es später bezeichnet, folgen in den kommen-den Jahren etliche Überarbeitungsphasen, in denen das Ausgangsmaterial immer stärkerverdichtet werden wird. Dabei geht es Renn stilbildend nicht um ,,nachprüfbare Genaui g-keit", sondern um das Gestalten des ,,Charakteristische[n]", d. h. die ,,Herausarb eitung desWesentlichen",49wie er später mit Bezug zum Verfremdungseffekt des Epischen Theatersvon Bertolt Brecht festhalten wird.Nach Abschluß der ersten Fassung 1924 vergehen nochmals vier Jahre, bis ,,Krieg" schließ lich1928 erscheint. Obwohl sich das Werk dem Muster eines ,,klassischen" Romans entzieht, istder Erfolg beachtlich: In zwei Jahren werden allein in Deutschland 160.000 Exemplare von,,Krieg" verkauft,50gefolgt von Übersetzungen in 15 Sprachen. Renn erreicht damit natürlichnicht die Zahlen d es Bestsellers von Erich Maria Remarque, dessen ,,Im Westen nichts Ne u-es" 1929 erscheint und es bis 1933 auf eine Auflage von dreieinhalb Millionen bringen wird.Der Newcomer Renn findet jedoch im deutschen Sprachraum mehr Aufnahme als zum Bei-spiel ,,Der Streit um den Sergeanten Grischa", den der etablierte Arnold Zweig schon 1927veröffentlicht hatte.Das etwa zeitgleiche Erscheinen dieser drei Werke liefert das Stichwort zu einem Phänomen,das kurz betrachtet werden soll: die starke Häufung und breite Rezeption von Kriegs- bezie-hungsweise Antikriegsliteratur gegen Ende der Weimarer Republik. Gelten heute vor allemRemarques, Zweigs und Renns Texte als literarische Hauptwerke über den Ersten Weltkriegkönnen für die zweite Hälfte der 1920er Jahre etliche Autoren ergänzt werden. Zu nennenwären in diesem Zusammenhang Theodor Plievier, Edlef Köppen, Ernst Glaeser, Georg vonder Vring, Siegfried Kracauer, Hans Herbert Grimm, Alexander Moritz Frey, Heinrich Wandt,Karl Bröger oder Joachim Ringelnatz, um nur einige antimilitaristisch gesinnte Autoren aufzu-führen.51Diese Auswahl betrifft im übrigen nur Zeugnisse in Prosa für Lyrik und Dramakönnen zahlreiche weitere Belege gefunden werden, ebenso für die rein dokumentarischeLiteratur. Dabei handelte es sich nicht um ein rein deutsches Phänomen das Thema ,,Er s-ter Weltkrieg" hatte auch international Konjunktur: Einschlägige Werke von ehemaligenKriegsteilnehmern stammten zum Beispiel von Richard Aldington, Gabriel Chevallier, E. E.Cummings, John Dos Passos, Ford Madox Ford, Ernest Hemingway oder Henry de Monther-lant und vielen anderen. Und in der Endphase der Weimarer Republik meldeten sich natür-lich auch politisch rechte, nationalistische Schriftsteller zu Wort, darunter etwa WernerBeumelburg, Franz Schauwecker, Edwin Erich Dwinger, Otto Riebicke, Georg Grabenhorstoder Arnolt Bronnen.52Natürlich ist Ernst Jünger nicht zu vergessen, dessen ,,In Stahl -gewittern" von 1920 noch ein Jahrzehnt später stark rezipiert wurde, aber dies ist interes-sant bis Anfang der 1930er Jahre nur ca. ein Drittel der Gesamtauflage von Renns ,,Krieg"erreichen konnte.Dieser Zuwachs an oftmals der Neuen Sachlichkeit verpflichteten Veröffentlichungen vonehemaligen Weltkriegsteilnehmern wurde im zeitgenössischen Feuilleton wiederholt disku-tiert. Insbesondere die Ursachen dieses Booms standen zehn Jahre nach Kriegsende im Mit-telpunkt der Auseinandersetzung, die über die politischen Lager hinweg vehement ausgetra-gen wurde. Wie breit die Meinungen auseinandergingen, verdeutlichen zwei Zitate aus zeit-15
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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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