Da war manches, was mich stark bewegte.[...] In der Zeitschrift ,,Aktion" sprachen militärische Laienvom Krieg als solchem. Das geschah in mir neuer Ausdrucksweise, an die ich mich erst gewöhnen mußteund es vielfach nicht konnte. Es war auch da zuviel Gefühlswallung und eine Denkweise im Hintergrund,die meiner konkreten Denkart unverständlich blieb.39Ludwig Renn geht es darum, das Erlebte in Ursache, Wirkung und Ausdruck authentisch dar-zustellen. Seinen Fokus bildet aber nicht die naturalistische Wiedergabe der Schrecken oderderen individualistische Aufarbeitung, etwa in Form einer politischen Anklage des Kriegs imGegenteil: Der Krieg ist für den pflichttreuen Frontoffizier Renn tagtägliche Wirklichkeit, dernicht entkommen und die, einmal entfesselt und gewollt, nicht annulliert werden kann. DasErlebte und zu Dokumentierende ist für Renn vorrangig nicht der Krieg als solcher, sonderndas konkret Menschliche in Reaktion auf das gegenseitige Massenmorden.Diese Überzeugung resultiert aus einem persönlichen Erlebnis, das als eigentliches Initial derAufzeichnungen und des Buchs ,,Krieg" betrachtet werden kann. Renn tituliert es später alsdas ,,Sonderbare":Aber was war denn so Sonderbares geschehen? An einem Nachmittag bei glühender Hitze führte ichmeinen übermüdeten Zug zum Sturm.[...] Meine Leute konnten nicht mehr rennen, sie waren zu e r-schöpft und schlichen nur vorwärts. Was sollte ich tun? Entsetzlich erschien es mir, wenn sie so hinge-mäht würden, weil sie nicht mehr konnten! Da geschah das Sonderbare: ich war plötzlich ganz ruhig undhatte ein Gefühl, daß sie alle in meiner Hand sind. Sie gehen hinter mir her ich sehe sie gar nicht, abersie müssen mir folgen, weil ja, warum, wußte ich nicht. Aber ich fühlte mich wunderbar mit ihnen ver-bunden. Die Verluste waren dann furchtbar, aber das merkwürdige Verbundenheitsgefühl blieb.40Renns Bemühen kreist um die angemessene, literarische Darstellung dieses Erlebnisses. Die,,Phrasenhaftigkeit" der Kriegsberichterstatter gilt es für ihn ebenso zu vermeiden wie dieAusdrucksweise der Expressionisten oder die ,,sehr dünne[n] Gefühlchen" der zeitgenöss i-schen Symbolisten.41,,Ich versuchte das auch", resümiert Renn, ,,fand aber, daß dabei nurweichliches und unklares Gerede entstand an Stelle dessen, was ich darstellen wollte, derherben Wirklichkeit."42Renn ist umgekehrt zu sehr Kind des 19. Jahrhunderts er verehrtGoethe, Hölderlin und Mörike sowie Puschkin, Gogol, Turgenjew und Tolstoi43, als daß ersich auf der Suche nach dem richtigen Duktus von diesen Einflüssen frei machen könnte:Um dieses gewaltige Liebesgefühl darzustellen, schrieb ich das Erlebnis hin und fand, da war mir waswirklich gelungen. Am nächsten Morgen las ich es durch. Da war es nichts als herkömmliches Ge-schwät z.[...] Diese Methode der ,,schönen" Darstellung war augenscheinlich unbrauchbar.[...] Nachmehreren Versuchen gab ich es auf, meine Erlebnisse in ihrer Gefühlgewalt darzustellen, ja überhauptüber das Unsagbare zu schreiben.44Die literarischen Anstrengungen dieser frühen Entstehungsphase scheitern:Der Erfolg meiner Bemühungen war nur, daß dabei im Laufe der Zeit eine Schilderung des Krieges vonetwa dreitausend Schreibmaschinenseiten entstand und daß ich mich mit den verschiedenen Wissen-schaften befaßte, um mein Rätsel zu lösen.45Erst Mitte 1916 verfestigt sich bei ihm die Einsicht, welcher inhaltlichen und sprachlichenAusrichtung er folgen muß. Angesichts der ,,Mängel meiner poetisierenden Schreiberei",46die er nun allenthalben feststellt, ist der Bruch radikal:Ich wollte den wahren Helden zeigen, den verdreckten Landser, der trotz seiner schweren Enttäuschun-gen ohne Getue das Unscheinbare, aber Wichtige tat. Kam es da überhaupt auf mich an?14
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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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