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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
Entstehung
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Der Rückmarsch der Fronttruppen endet in Aachen, wo die Soldaten auf den Weitertrans-port warten. ,,Krieg" endet an dieser Stelle und evoziert in den letzten Sätzen bildhaft nocheinmal die Schwebe, in der sich die Hauptfigur befindet ­ seine geistig- emotionale ,,Übe r-gangsstellung",31die der Autor später auch für die eigene Entwicklung beanspruchen wird:Am Tage darauf rückten wir auf den Bahnhof und warteten da bei strömenden Regen auf den Zug. Eswar längst Nacht geworden, als er eintraf. Es waren alles Viehwagen mit Schiebetüren. Wohin wir fuh-ren, wußten wir nicht, nur, daß es noch nicht gleich nach Hause ging.(Krieg, 307)Die Ausführungen zu ,,Krieg" sollten einen Überblick über einige inhaltliche Schwerpunkte,thematische Leitlinien und sprachliche Gestaltungsmerkmale des Buchs liefern. WeitereHinweise zu dieser ,,Phänomenologie der Fronthölle",32als die das Werk später auch be-zeichnet wurden, liefern die Entstehungsgeschichte des Buchs und seine literarhistorischeEinordnung, der ich mich jetzt zuwenden möchte.Entstehung und Wirkung von ,,Krieg"Ludwig Renn hatte bereits in den ersten Kriegstagen an der Westfront, mit tagebuchartigenNotizen begonnen.33Im Rückblick benennt Renn eine Kette von Gründen und Begebenhei-ten, die er als Auslöser ansieht. Die naive Vorstellung, das individuelle Kriegserlebnis idealis-tisch überhöhen zu wollen, wird angesichts der Realität rasch zunichte gemacht:Ursp rünglich habe ich[...] Tagebuch über meine Erlebnisse im Krieg geführt, weil ich noch glaubte, dawürde ich von erhebenden Erlebnissen einer großen Zeit berichten können. Tatsächlich aber wurden al-le Erlebnisse zu Zerstörungen meines Weltbildes und seiner Ideale.34Die tagtägliche Erfahrung, daß sich das Massensterben der erbaulich-philosophierendenDeutung entzieht, verzahnt sich für Renn eng mit dem Ekel vor der offiziell-heroisierendenBerichterstattung in der Öffentlichkeit:Schon 1914 erhielten wir mit einer gewissen Regelmäßigkeit Zeitungen und andre Berichte über unsernKrieg. Da lasen wir die von Phrasenhaftigkeit strotzenden Kriegsberichte und dazu das, was Kriegsbe-richterstatter über uns Helden der Front schrieben.[...] Was sie aber da rosenrot und be geistert von unsfeldgrauen Helden schrieben, war für uns Geschwätz, stinkfalsch und widerwärtig.35Für Renn wird früh deutlich, daß ein Kriegstagebuch im traditionellen ,,Offiziersstil" nicht inFrage kommt. Entsprechend wird er später die zahlreichen ,,Offiziersmemoiren", die nachKriegsende erscheinen, rigoros als verbrämende Heldendichtung ablehnen. Wichtig ist es,daß Renn auch die Ausdrucksformen der literarischen Moderne, insbesondere des Expressi-onismus, fremd bleiben. Der Offizierskamerad Hildebrand Gurlitt, der als Kunsthändler derNationalsozialisten später eine wenig ruhmreiche Rolle spielen wird, macht Renn mit denExpressionisten bekannt. ,,Das war eindeutige Kriegsfeindschaft",36hält Renn später fest,aber: ,,Die expressionistischen Gedichte, die d ort abgedruckt waren, blieben mir wenig deut-lich."37Renn sympathisiert zwar mit dem offenen Antimilitarismus der Expressionisten ­ die,,Gefühlsausergüss[e] expressionistischer und wohl recht weltfremder Lyriker"38verharrenfür den militärisch geschulten Offizier aber im allzu Allgemeinen:13