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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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Die wachsende Verantwortung des Vorgesetzten mündet für ihn in einem aufreibenden Di-lemma, wenn Befehle zu Lasten der ihm unterstellten Soldaten gehen. Die Hauptfigur hofft,daß ihr die Pflichterfüllung hinreichend Orientierung gibt. Dieser Glaube trügt jedoch, woangesichts widersinniger Befehle eine klare Entscheidung zugunsten der abkämpften Solda-ten gefällt werden muß. ,,Was sollte man nur tun?" fragt sich der Prota gonist, um den Wi-derspruch dann selbst zu formulieren: ,,Gehorchen muß man, aber doch auch für seine U n-tergebenen eintreten."(Krieg, 255)Der Einzelgänger Renn entwickelte sich im ersten Teil von ,,Krieg" zu einem Mitglied der So l-datengemeinschaft, das die Solidarität der Kameraden sucht und pflegt. Der Verantwor-tungskonflikt, als Vorgesetzter über Leben und Tod entscheiden zu müssen, stellt ihn wiede-rum außerhalb dieser Gemeinschaft. Dies trägt umso schwerer, insofern der Krieg ab Mittedes Buchs als verabscheuenswertes, entmenschlichendes Faktum wahrgenommen wird.Wieder ist es ein Feldgottesdienst, der Renn gegen den Krieg in Rage bringt. Der ,,ideolog i-sche Unterbau", könnte man sagen, die dem Protagonisten nur mehr fehlt, um eine klarePosition zu beziehen, wird ihm kurze Zeit später geliefert:Am Tage nach dieser Predigt hielt ein Offizier[...] einen Aufklärungsunterricht, weshalb wir Krieg führtenund weshalb wir Belgien brauchten. Was? Das verfluchte Belgien wollen wir behalten? Wegen irgendei-nes äußeren Vorteils wollen wir uns mit diesem Volk belasten? ­ Denken denn unsere Führer, daß sieuns damit den Krieg schmackhafter machen, daß sie uns ihre Sorgen aufladen?Ich verfiel in Grübeln. Was ist denn das Vaterland? Nichts? Eine altgewordene Redensart? Aber es istdoch etwas. Ich liebe es vielleicht auch.(Krieg, 257f.)Es bezeichnet das Dilemma, wenn die Hauptfigur die imperialistischen Absichten der Heeres-führung ablehnt, aber den überkommenen ,,Glauben ans Vaterland" fast zwanghaft für sichaufrechterhält. Obwohl allenthalben bereits erste Vorzeichnen der ,,Meuterei" zu sehensind, hält der Protagonist weiterhin an der Überzeugung fest, der Frieden käme sozusagenüber Nacht, ohne politische Umwälzung und ohne sein persönliches Zutun:Die große Frühjahrsoffen sive mußte den Krieg beendigen.[...] Der Krieg konnte doch nicht zu einemDauerzustand werden. Irgendwann mußten sich doch die Völker wieder vertragen.(Krieg, 267),,Die Märzoffensive 1918", die den Zusammenbruch entgegen der naiven Hoffnungen desProtagoni sten besiegeln soll, ist Gegenstand des vorletzten Kapitels von ,,Krieg". Die Sold a-ten stehen kurz vor der Rebellion, Reden von der ­ wie es genannt wird ­ ,,Bolschewistenr e-volution" machen die Runde(Krieg, 269). Die Reaktion der Hauptfigur ist dünn: Es ble ibt vor-läufig bei einem ,,[...] auch mir wurde der Krieg immer verdächtiger"(Krieg, 269), aber Dese r-tieren kommt beispielsweise nicht in Frage.Der Protagonist ist selbst im ,,Zusammenbruch", so die Überschrift des letzten Kapitels, nochnicht willens, sich bei aller Skepsis und Kritik zur politischen Umwälzung als einziger Alterna-tive zu bekennen. Er wünscht sich nur eines: ,,[...] wenn nur der Krieg zu Ende ginge! Ich ha t-te auch noch nie über Politik nachgedacht. Ich hatte einen Ekel davor, wie vor etwasSchmut zigem."(Krieg, 286) Stattdessen befolgt Renn weiterhin unsinnigste Befehle seinerVorgesetzten ­ bis ihn der Waffenstillstand sozusagen einholt:Freute ich mich? Ich fragte mich selbst danach. Ich fühlte mich befreit von der ständigen Furcht der letz-ten Jahre. Aber sonst? Ich wußte nicht, was der Waffenstillstand für Folgen haben würde, und war un-ruhig.(Krieg, 296)12