Nacht träumte ich, ich sollte gekreuzigt werden. Ich überlegte mir, daß ich dann tot wäreund mich davor fürchten müßte. Aber davor fürchtete ich mich nicht, sondern nur vor denSchmerzen."(Krieg, 141)Das Getötetwerden bzw. das tagtägliche Töten fatalistisch, mechanisch und emotionslos alsgegeben hinzunehmen, stellt sicher den Tiefpunkt der ,,Entmenschlichung" dar. Die Hauptf i-gur akzeptiert dies nur anscheinend; die blanke Angst, die ihn wiederholt übermannt, läßtihn ahnen, daß dieser Weg letztlich allem Menschlichen zuwider läuft. Nach einer schwerenVerwundung erfährt der Protagonist im Fieberwahn wie zuvor in seinem Alptraum ein-mal mehr das Entsetzen, die Schrecken des Kriegs als das normale, ja schöne Los des Men-schen annehmen zu sollen:,,Nu, wie ist's Ihnen?",,Gut, Herr Oberarzt!",,Erzählen Sie noch etwas vom Sturm! War das nicht schrecklich?",,Nein, es war herrlich, wie die vorstürmten[...]. Einer hat gesagt[...], es wäre ihm gleich, ob er gefangenwürde. Und der ist vorgerannt und hingestürzt. Wahrscheinlich ist er t ot.",,Aber das ist doch nicht herrlich!",,Doch, Herr Oberarzt, wie sie auf einmal alle Angst verloren hatten! Daß es sie gepackt hatte und sie a n-geriffen, das war unvergleichlich schön!"Die Angst kam wieder, aber durchleuchtet von dem Gedanken an den herrlichen Angriff. Noch konntesie nicht Herr werden.[...]Er murmelte etwas, auf das ich in dem grauen Ankriechen nicht hören konnte. Das wuchs und war soentsetzlich[...]. Aber ich wollte es bezwingen, mich fest machen! Noch näher und gräßlicher! Nein!(Krieg, 166f.)Der Bericht überspringt hier ein halbes Jahr und setzt mit der Rückkehr des genesenen, zumUnteroffizier beförderten Protagonisten unmittelbar vor der Aisne-Champagne-Schlacht imFrühjahr 1917 wieder ein. Die Hauptfigur ist einer der wenigen Überlebenden seiner Einheit,gilt als ,,unverwundbar"(Krieg, 197) und erduldet stoisch die Gefechte. Die Schrecken desKriegs scheinen vollends zur Routine geworden zu sein:Rechts war eine Latrine[...]. Ich ging dahin und setzte mich. Da sah ich rechts ei nen nackten Fuß, der auseinem Schutthaufen ragte. Er sah gelblich aus.(Krieg, 219)Nur wenig später dann:Ich[...] sah am Boden eine Hand liegen. Sie lag schwarz und wie aus Leder ausgestreckt am Boden. Kle i-ne, tiefschwarze Käfer bewegten sich darauf. Ich beugte mich nieder: vielleicht kannte ich die Hand?Nein, sie war mir fremd.(Krieg, 219)Auch die allgemeine Auflösung ist nicht mehr aufzuhalten: Der Grabenkrieg führt zu keinerleiErgebnissen, Desertationen nehmen zu, die Kameradschaft bröckelt und es herrscht Feind-schaft zwischen der Front und der Heeresführung. Der ,,Pflichtmensch" Renn aber verdrängtdas Offenkundige: ,,Ich fürchtete mich, einzuge stehen, daß das Auflösungserscheinungenwaren."(Krieg, 231) Nach seiner Beförderung zum Vizefeldwebel ab er folgt der Zusammen-bruch, als der Meldegänger von Renn fällt:Funke kaute an einem Zigarrenstummel und klagte um Israel: ,,Das war der beste Mensch, den ich ges e-hen habe.[...]"Hartenstein saß vornübergebeugt und zeichnete mit dem Finger auf dem Boden, wo nichts zu zeichnenwar. Ich legte mich auf mein Lager und weinte bitterlich.(Krieg, 238)11
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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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