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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
Entstehung
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Die Kapitel des zweiten Hauptteils ,,Stellungskrieg" liefern ein authentisches Panorama deszermürbenden Dahinvegetierens im Schützengraben. Bewußt folgen nach dem handlungs-und bewegungsreichen ersten Teil ,,Vormarsch" nun entwicklungsarme, zumeist kurze Sz e-nen, die das Ziel verfolgen, eine umfassende, wirklichkeitsgetreue Dokumentation über denKrieg zu bieten: Dem Belauern des Feindes folgen sinnlose Patrouillengänge, die sich mit per-manentem Stellungsbau oder Ungezieferbekämpfung abwechseln. Ersatztruppen werdeneingegliedert ­ die ersten Jugendlichen treffen an der Front ein. Im rückwärtigen Bereichkommt es zu Begegnungen zwischen den Besatzern und Einheimischen. Besuche von Stabs-offizieren stellen die Unfähigkeit und Menschenverachtung der Heeresleitung heraus. MitOrdensverleihungen wird versucht, die Truppe bei der Stange zu halten.Die vermeintliche Ruhe bietet aber auch Gelegenheit, die vergangenen Ereignisse zu reflek-tieren. Wie Anfang 1916 der Autor ­ dazu später mehr ­ versucht der Protagonist, das Erleb-te gedanklich zu durchdringen. Eine Philosophiegeschichte aus der Kompaniebücherei sollOrientierung liefern:Ich ärgerte mich, daß sie uns solche Sachen ins Feld schickten, freute mich aber zugleich, weil ich mirimmer so etwas gewünscht hatte.[...] Ich wühlte in mir und mühte mich. Ich ergriff auch einen Sinn anmanchen philosophischen Sätzen. Aber es war nicht der richtige, den ich suchte.(Krieg, 130)Trotz der Fortschritte, die sie aus der vormaligen Isolation heraus unternommen hat, befin-det sich die Hauptfigur noch in einem Übergangsstadium. Die Philosophie ist ihm einerseitszu wenig konkret. Andererseits vermag er es noch nicht, Antworten in einer bestimmten,,Weltanschauung" zu suchen:Jeder Philosoph sagt etwas anderes, und darunter die neuesten recht gleichgültige Dinge. Eine Weltan-schauung gibt es eben nicht, weil es viele gibt und alle weder falsch noch wahr sind. Ich gab die Hoff-nung auf weiterzukommen.(Krieg, 131)Auch der Versuch, Klarheit durch eine Niederschrift des Erlebten zu gewinnen, führt ins Lee-re. Der Protagonist scheitert, sich schriftlich der Dinge, die ihn bewegen, zu vergewissern:Um mir über das Wichtige klarzuwerden, stellte ich mir stets das ganze Bild mit allen Einzelheiten vor[...]. Dann schrieb ich erst und ließ alles weg, was nicht unbedingt nötig war. Aber dieses Schema nütztefür die Darstellung der wichtigsten Dinge gar nichts. Dafür fehlten mir stets die Worte. Ich versuchte un-gewöhnliche Worte zu gebrauchen. Es nützte nichts.[...] Was fehlte, war immer im Grunde dasselbe,und doch wußte ich nicht, was es war.(Krieg, 131)Den Tiefpunkt der Krise erreicht die Hauptfigur am Vorabend der Schlacht an der Somme,die zwischen Juli und November 1916 über eine Million Tote fordert und als verlustreichsteSchlacht des Kriegs ohne nennenswertes Ergebnis beendet wird. Manifestiert sich darin ei-nerseits kaum vorstellbar das ganze Ausmaß der Sinnlosigkeit des Krieges, scheint sich derProtagonist andererseits widerstandslos mit seinem Schicksal abgefunden zu haben:Fürchte ich mich denn vorm Tode? Nein, nicht so sehr. Oder vor einer Verwundung? Nein, kaum. Odervorm Gefangenwerden? Ach, ich werde ja nicht gefangen. All das ist es also nicht? Was ist es denn?(Krieg, 135)Ein Alptraum unterstreicht die Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Tod nochmals, be-tont aber auch die Angst vor den Leiden, völlig sinn- und nutzlos geopfert zu werden: ,,Die10