die als Leitmotiv den gesamten Text durchzieht, dient somit der Charakterisierung des We-sens und der Antrie be des Protagonisten. Der Autor erläutert, daß die ,,Wortkargheit einesMenschen" einen Charakter bezeichnet, ,,der nicht gern tiefer nachdenkt oder seine Gefühleverbirgt. Das Verbergen der Gefühle wieder zeigt, wie der Held meines Buches[...], der tieferna chdenkt, intellektuell isoliert ist".28Die Vermutung, der Protagonist würde sich nicht wiefür einen klassischen Roman üblich ,,entwickeln", trifft nur bedingt zu, sofern so der Au-tor weiter diese ,,Isoliertheit der Figur" grade ,,ih[r] Streben nach ideologischer Klarheit" als,,wesentliches Charakterelement" demonstriert.29Die Hauptfigur artikuliert diese Orientierungssuche anläßlich eines Feldgottesdiensts, unmit-telbar vor der entscheidenden Schlacht an der Marne, die den deutschen Vormarsch stop-pen w ird. Der Feldgeistliche evoziert das Bild von den Soldaten als ,,gefangen von Angst undSchrecken und Todesfurcht", die ,,der Herr[...] erlösen wird"(Krieg, 69f.) Die Rede von übe r-irdischer Erlösung kann bei dem ganz dem Diesseits verhafteten Protagonisten nicht verfan-gen er sucht nach weltlichen Antworten:In mir war ein Glanz, daß es ein Reich gäbe, das aus den Träumen meiner Jugend war, nur stärker. Undin dem Reich gab es keine Gefechte und Feldküchen. Es ist ja auch gar nicht der Krieg, was so furchtbarist, sondern ja, was? Ich ahnte wohl etwas davon, aber in die Nähe der Gedanken kam es nicht.(Krieg, 70)Während des Gemetzels an der Marne, das in allen Einzelheiten dokumentiert wird, wirdgezeigt, welcher Ausweg sich dem Protagonisten eröffnen soll. Der zuvor stets distanzierte,wortkarge Renn übernimmt inmitten des allseitigen Chaos ohne viel Aufhebens die Verant-wortung für seine in totaler Auflösung befindliche Einheit. Er organisiert die Stellung, ver-sorgt Verwundete und kümmert sich selbstlos um seinen typhuskranken Vorgesetzten. DieHauptfigur durchstößt die eigene Isolation und wird aktiver Teil dessen, was der Autor späterwörtlich als ,,Bindung zwischen den Menschen" nennen und als zentrales Motiv seines Buchsbezeichnen wird.30Diese ,,Gefühlsbindung", wie es später auch heißt, erfahren durch dasMitleid für seinen typhuskranken Leutnant, vermittelt ihm schlagartig ein vollkommen dies-seitiges Verständnis von der ganzen Unmenschlichkeit des Krieges:So hatte ich mir den Krieg nicht vorgestellt. Da kommen einem die Menschen so schrecklich nah,schrecklich, denn man kann sie doch nicht halten. Sie werden alle wieder fortgerissen.(Krieg, 79)Dieser gedankliche Vorstoß fällt zusammen mit dem Rückzug der Deutschen und dem Beginndes sinnlosen, menschenmordenden Stellungskriegs aber auch mit ersten, grundsätzlichenZweifeln des Protagonisten am Krieg, den bislang nicht hinterfragt hatte:Warum mußte ich wieder ins Feuer hineinlaufen? Die andern, die gingen mich ja nichts an nein, dieKompanie schon, aber die andern Kompanien nicht. Mögen die doch angreifen, aber wir nicht nocheinmal! Ist es nicht einmal genug?(Krieg, 95)Es ist nur folgerichtig und Zeichen des Selbstschutzes, wenn dem Tod angesichts des Mas-sensterbens mit tiefem Fatalismus begegnet wird:,,Brauchst Du etwas?",,Nein", lächelte er. ,,Mir geht's gut."Ich versuchte wiederzulächeln, aber konnte es nicht.[...] In mir krampfte es sich: der stirbt! Aber wenner sich doch wohl fühlt? Man kann sich doch nicht freuen, wenn einer auch angenehm stirbt. Aber viel-leicht ist es wirklich nicht so schlimm?(Krieg, 103)9
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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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