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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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rierefixierten Untertanengeist er verabscheut und denen er die Verantwortung am Massen-morden gibt. Unter seiner Prämisse ­ wie er später schreibt ­, ,,daß der Offizier unbedingtehrlich sein müßte",17überwirft sich Renn mit seinem Kommandeur. Den Anlaß liefert dieSchönfärbung des sog. Kriegstagebuchs des Regiments und der Gefechtsberichte. Renn stuftdieses Erlebnis als wesentlichen Anstoß zur Niederschrift der eigenen Kriegsaufzeichnungenein:Was da[im Kriegstagebuch] stand, war ganz richtig, aber alles Wichtige war ausgelassen, wenn es derFührung irgendwie unangenehm war.[...] Ich versuchte, da wenigstens einen Teil der Wahrheit in denBericht hineinzubringen. Schon das wurde mit Mißbilligung und Kopfschütteln aufgenommen. Damalssetzte ich mir vor, einmal die Wahrheit über den Krieg zu schreiben.[...] Schließlich konnte ich das nichtmehr ertragen und meldete mich wieder zur Front.18Renn wird Kompanieführer in eine Ausbildungseinheit und kehrt im Herbst 1915 zu seinemStammregiment zurück, das sich zu dieser Zeit bereits im Stellungskrieg befindet. Nach einerEpisode als Taktiklehrer an einer Offiziersschule, nimmt Renn im September 1916 wiederumseinen Dienst an der Front auf, wo er zweimal schwer verwundet wird. Während des Gene-sungsurlaubs in der Heimat, wo ihm der sächsische König den hohen Militär-St.-Heinrichs-Orden verleiht, kehrt Renn im September 1918 nochmals an die zusammenbrechende West-front zurück. Als Bataillonsführer ­ er ersetzt seinen wegen Unfähigkeit abgelösten Vorge-setzten ­ führt Renn die verbliebenen, entwaffneten Einheiten seines Regiments schließlichdurch die Wirren der Novemberrevolution zurück nach Dresden.Die Jahre 1919/1920 verbringt Renn als Truppenführer bei der Dresdener Sicherheitspolizei,wo der adelige Offizier wegen seiner zunehmend sozialistischen beziehungsweise mangeln-den deutschnationalen Gesinnung kritisch beäugt wird. Als sich Renn weigert, mit der Waffegegen Aufständische vorzugehen, liefert dies letztlich den Vorwand, ihm den Abschied ausder Truppe ,,nahezulegen".Die weiteren Lebensstationen zeigen einen Menschen auf der Suche nach existentieller undintellektueller Orientierung ­ einen jener Gruppe von Kriegsheimkehrern, die im englischenSprachraum als ,,Lost Generation" bezeichnet wird: Er studiert einige Jahre Russisch, Juraund Nationalökonomie in München und Göttingen, um dann im Kunsthandel tätig zu wer-den. Renn lebt anschließend als Aussteiger auf dem Land, bevor er 1925 zu einer Fußreisedurch Südeuropa, Nordafrika und den Vorderen Orient aufbricht. 1926 läßt sich Renn inWien nieder, nimmt ein Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und östlichen Geschichteauf; ab 1927 ist er dann in der Erwachsenenbildung aktiv. ,,Aber", resümiert Renn, ,,die Fre i-heit brachte mir nicht, wonach ich mich sehnte":Nirgends fand ich Ruhe, nirgends Menschen, die mir mehr waren als Bekannte. Überall suchte ich nachetwas und wußte doch nicht genau, wonach. Ich suchte einen Ausweg aus dem Verfall der bürgerlichenKultur, die mir immer unhaltbarer erschien, je mehr ich in fremde Verhältnisse hineinsah.19Das klare Bekenntnis zum Sozialismus soll diesen Konflikt lösen: 1928 tritt Renn in die Kom-munistische Partei und den Roten Frontkämpferbund, die paramilitärische Schutztruppe derKPD in der Weimarer Republik, ein. Es ist zugleich das Jahr, in dem nach zehn Jahren Arbeitund Verlagssuche Renns bekanntestes Buch ,,Krieg" erscheint, dem wir uns jetzt zuwendenwollen.4