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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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kelnagelneue Uniform. Noch höher war herausgehoben, wer einem so vornehmen Regiment angehörtewie ich und Gardelitzen trug.8Das Elementare dieses Schrittes verortet Renn aber in einem anderen Erlebnis, das für ihn,der isoliert und in traumatisierenden Familienverhältnissen aufwuchs, fast einer Offenba-rung gleichkommen soll und später zu einer zentralen ,,Gelenkstelle" seines Buchs ,,Krieg"ausgeformt werden wird. In der Rückschau von 1929 stellt er nämlich sofort klar, daß ,,derHauptgrund[s]einer Begeisterung" keinesfalls aus diesem neuen, achtungsgebietenden St a-tus als Gardeoffizier resultierte.9Renn hält demgegenüber fest: ,,Das große Erlebnis war derLandser!"10Weniger emotionsgeladen, dafür mit deutlich marxistischem Duktus erläutertRenn diesen Zusammenhang ein halbes Jahrhundert später in seiner Autobiographie:Bis dahin war ich zum Individualisten erzogen worden und in mancher Beziehung auch recht intellektu-ell. Nun umgaben mich junge Männer, bei denen von intellektuellem Individualismus nichts zu spürenwar.[...] Richtig[...] war, daß die Grenadiere meist kein klares Klassenbewußtsein hatten und von denreaktionär gesinnten Unteroffizieren mit Brüllen und Schikanen aller Art gehindert wurden, sich ihrerLage als Unterdrückte und Ausgebeutete klarzuwerden. Aber an ihren Arbeitsstellen hatten sie unwill-kürlich das angenommen, was der Marxist Solidarität nennt. Beim Militär nannte man das Kamerad-schaft.11Die Hinwendung z um ,einfachen Soldaten` erlebt Renn um 1910 als ,,zunächst rein gefühl s-mäßig[e] Sozialität",12wie er schreibt. Sie verstärkt sich in dem Maß, wie er ,,die ganze Stu r-heit, Unbildung, Anmaßung und Unehrlichkeit besonders der preußischen Offiziere" immerheftiger zu verachten beginnt.13Die[Offiziere] sprachen viel von Ehre und Stand, waren aber zügellos und ungebildet.[...] Mehrmals k a-men die Offiziere vom Dienst schwankend und stammelnd vor Betrunkenheit zum Appell. Wir soffen na-türlich genauso. Wenn ich als Inspektionsältester antreten ließ, steckte ich die schwer Betrunkenen inshintere Glied, bevor der Offizier herankam. Einmal war ich selbst so weit, daß man mich versteckenmußte.14Renn gewinnt zu jener Zeit, wie er später bekennt, die Überzeugung, daß ,,d ie soziale Ver-antwortung als Grundlage des einzig würdigen Lebens zu betrachten" sei.15Der Umstand,selbst Vertreter der verhaßten Offizierskaste zu sein, steigert den Zwiespalt schließlich biszum tiefen Ekel über den eigenen Status. Renn erwägt, das Militär zu verlassen. Die politi-sche Lage, die seit Frühjahr 1914 zu eskalieren beginnt, eröffnen Renn als ,Kind seiner Zeit`einen anderen ,Ausweg`, wie er 15 Jahre später ganz unumwunden zugibt:Sollte ich meinen Abschied nehmen? Auch das überlegte ich mir genau. Aber ich hing zu sehr an meinenUntergebenen und interessierte mich auch wirklich für den Dienst. Die letzte Möglichkeit war ein Krieg.Natürlich betrachtete ich ihn noch romantisch, glaubte an Heldentum.[...] Ich wünschte ihn herbei fürmich persönlich, zugleich schämte ich mich aber, daß mir mein persönlicher Vorteil höher stände als dieAllgemeinheit.Da kam der Krieg.16Renn wird an der Westfront im Rang eines Leutnants zunächst als Zugführer eingesetzt,rückt aber schnell zum Kompaniechef auf. Ende 1914 überspringt er die folgenden Beförde-rungsstufen und wird zum Regimentsadjutanten ernannt ­ einem klassischen, risikolosenKarriereposten, der ihn bald in den Generalstab geführt hätte. In der Etappe wird Renn Zeu-ge der Unfähigkeit, Menschenverachtung und Korruptheit der Staboffiziere, deren kar-3