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Dann versuche ich manchmal davon zu sprechen, wie der Krieg wirklich ist : Ludwig Renn. Krieger, Autor, Kommunist
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delt wurde. Väterlicherseits schlugen seine Vorfahren standesgemäße Militärlaufbahnen einoder konnten aufgrund des Familienvermögens als sog. Privatgelehrte leben. Der Vater, CarlJohann von Vieth, studierte Mathematik, wirkte als Gymnasiallehrer und Prinzenerzieher amDresdner Königshof. Der Großvater mütterlicherseits machte als Apotheker und Fabrikant inMoskau Karriere, wo auch die Mutter, Bertha Julie Raspe, aufwuchs. Ungeachtet dieser um1900 erfolgsversprechenden Herkunft und materiellen Sicherheit kann von einer glücklichenKindheit und Jugend kaum die Rede sein. Seine postum erschienene Autobiographie ,,Anst ö-ße in meinem Leben" von 1980 eröffnet Renn bezeichnenderweise mit folgendem Satz:Das Lebensglück meiner Mutter wurde zerstört, als sie, mit erst neunzehn Jahren und noch unmündig,von ihrem Vater, Dr. Friedrich Raspe, gezwungen wurde, meinen Vater, Dr. Johann von Vieth, zu heira-ten.2Die Atmosphäre, in der Renn und sein anderthalb Jahre älterer Bruder ­ er wird gleich zuBeginn des Ersten Weltkriegs fallen ­ aufwachsen, war geprägt von den seelischen Folgendieser ,Zwangsehe` der Eltern, die seitens der Mutter in offene Verachtung des Ehemannsumschlug. Körperlich schwach, oft krank, belastet von Sprech- und Lernstörungen ­ ,,einklapperdürres Gestell", ,,einer der Kleinsten und Schwächsten",3so die Autobiographie -durchlebt Ludwig Renn eine unglückliche Kindheit und Jugend:Als Ganzes gesehen, wurde meine Kindheit zu dem, was Rainer Maria Rilke in seinem ,Malte LauridsBrigge` beschreibt: unnatürlich, krankhaft und fast freudlos. Ich erinnere mich daran mit Grauen.41910 legt Renn verspätet und ,,nach dumpfer, verzweifelter Zeit", wie er schreibt,5am Dres-dner Humanistisch-Königlichen Gymnasium das Abitur ab. Das überalterte Lehrerkollegium,die stumpfsinnigen Unterrichtsmethoden sowie der unzeitgemäße Lehrstoff stießen ihn ab;lediglich für die Mathematik und Bildende Kunst zeigt er Begabung und Interesse. Diese,,Hinwendung zum Exakten und Praktischen",6wie es Renn bezeichnet, wird maßgeblichenEinfluß auf seine schriftstellerische Tätigkeit haben; sie steht letztlich auch hinter seiner Be-rufswahl, die zwar standesgemäß ist, aber für den schwächlichen und introvertierten, frühobrigkeitskritischen Renn fragwürdig erscheint ­ der Wunsch, Berufsoffizier zu werden. DerDienst beim Militär, so hofft er, soll der seelisch- körperlichen ,,Selbsttherapie" dienen:Mit großer Mühe versuchte ich, mich geradezuhalten und einen Schein von Sicherheit zu erwecken.Mein Rücken war zu schwach, die Muskeln schmerzten bald, und ich lief bald wieder krumm. Ich arbei-tete an mir, beobachtete und versuchte Männer nachzuahmen, die mir als besonders männlich erschie-nen. Vielleicht lag auch so etwas zugrunde, als ich meinem Vater erklärte, daß ich Offizier werden woll-te.7Renns Entscheidung liegt nahe, sofern Soldatentum und Offizierslaufbahn vor dem ErstenWeltkrieg ­ zumal in adeligen Kreisen ­ noch unhinterfragt als alleinseligmachendes Idealmännlichen bzw. deutschen Wesens galten. Einstiegshürden waren für Adelige praktischnicht vorhanden ­ im Gegenteil: Die Karriere war sozusagen vorprogrammiert. Renn resü-miert dies mit deutlichen Worten im Jahr 1929:Ich trat also beim 1.(Leib-)Grenadierregiment Nr. 100 in Dresden als Fahnenjunker ein. Der Dienst wur-de mir nicht leicht, und doch war ich in einer taumelnden Freude[...]. Wer vor dem Kriege beim Militärwar, weiß, wie ein Fahnenjunker behandelt wurde, auch wenn er etwas schlapp war. Man begegneteihm überall mi t Ehrerbietung. Er war plötzlich ein Herr, hatte Geld in der Hand[...] und hatte eine fu n-2