Teil eines Werkes 
Theil 1 (1777)
Seite
206
Einzelbild herunterladen
 

2O6 Bekommen. Empfangen. Erhalten.

Mich dünkt daher, man werde dieses Wort, auch in demVerstände, da e6 so viel heißt als bekommen, allezeitbesser von guten und angenehmen Dingen gebrauchen.Jedoch nur von solchen, welche wir durch unsere Bemü-hung erlangen odcr erlangen können; Von solchen hinge-gen, wobei alle unsere Bemühungen nichts ausrichten kön-nen, ist nur allein das Wort bekommen gebrauchlich.

Das scheinet mir auch die Ursach zu seyn, warumman nicht sagt: Augen erhalten, Laub erhalten, HaarevderFedern erhalten, u, s. w. weil dieses Dinge sind, wel-che wir nicht durch unsere Bemühung erlangen können.Man sagt nicht: Ein Glück erhalten, weil wir das Glück,durch keine Bemühung, in unseren Besitz bringen können.Man wird nicht sagen: Einen Vortheil erhalten, wennman den Vortheil als etwas zufälliges ansiehet, wozu un-sere Bemühungen und Arbeiten nichts beitragen. Hin-gegen wenn der Vortheil eine Frucht unserer Bemühungund Arbeit ist, so möchte man ganz wohl sagen können:Er hat bei dieser Sache viel Arbeit und Mühe gehabt,aber auch daraus viel Vortheil erhalten.

Man sagt nicht: Schlage erhalten: Schaden oderVerdruß erhalten, das ist gewiß, Niemand wird dieseRedensarten brauchen. Ich sehe aber gar nicht, warumes von anderen unangenehmen Dingen besser seyn sollte,und meinem Bedünken nach, hat das Wort erhalten,wenn es von unangenehmen und widrigen Dingen ge-braucht wird, wenigstens etwas anstößiges, so daß ichallemal, lieber bekommen dasür sehen würde. Ich wür-de allemal lieber sagen: Eine traurige Nachricht dckom-men, als eine traurige Nachricht erhalten: AbschlagigeAntwort bekommen, als abschlagige Antwort erhalten.Der Missethater hat sein Todesurtheil erhalten, würdeich nur in dem Falle sagen, wenn er selber gewünscht oderverlanget hatte, daß man ihm nur bald das Urtheil fallen,und durch den Tod hinein jammervollen Zustande ein Ende

machen