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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
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Erster Theil.

Fall seht, wo der Geschmack in Entwürfen der Einbildungs-kraft seine größte Vollkommenheit zeigen kann.

Allee steif» regelmäßige (was der mathematischen Re-gelmäßigkeit nahe kommt) hat das Geschmackwidrige an sich:daß es keine lange Unterhaltung mit der Betrachtung dessel<ben gewährt, sondern, sofern es nicht auedrücklicb das Er-kenntniß, oder einen bestimmten pracriicixn Zweck zur Ab-sicht har, lange Weile macht. Dagegen ist das, womit Ein-bildungskraft ungesuchr und zweckmäßig spielen kann, unsjederzeit neu, und man wird seines Anblicks nicht überdrüßig.Maroden in seiner Beschreibung von Sumatra macht dieAnmerkung, daß die freyen Schönheiten der Natur den Zu-schauer daselbst überall umgeben und daher wenig Anziehen-des mehr für ihn haben: dagegen ein Pfessergarten, wo dieStangen an denen sich dieses Gewächs rankt, in Parallcl-linien Alleen zwischen sich bilden, wenn er ihn mitten ineinem Walde antraf, für ihn viel Neiz hatte; und schließtdaraus, daß wilde, dem Anscheine nach regellose Schönheitmir dem zur Abwechselung gefalle, der sich an der regelmäs-sigen satt gesehen hat. Allein er durfte nur den Versuch ma-chen , sich einen Tag bey seinem Psesfergartcn aufzuhalten)um inue zu werden, daß, wenn der Verstand durch die Re-gelmäßigkeit sich in die Stimmung zur Ordnung, die eraller-wärts bedarf, versetzt hat, ihn der Gegenstand nicht längerunterhalte, vielmehr der Einbildungskraft einen lästigenZwang anthue: wogegen die dort an Mannichfaltigkeiten biszur Üppigkeit verschwenderische Natur, die keinem Zwangekünstlicher Regeln unterworfen ist, seinem Geschmacke fürbeständig Nichrung geben könne. Selbst der Gesaugder Vögel, den wir unter keine musikalische Regel bringenkönnen, scheint mehr Freyheit und darum mehr für den Ge-schmack zu enthalten, als selbst ein menschlicher Gesang der