72
Erster Theil.
Fall seht, wo der Geschmack in Entwürfen der Einbildungs-kraft seine größte Vollkommenheit zeigen kann.
Allee steif» regelmäßige (was der mathematischen Re-gelmäßigkeit nahe kommt) hat das Geschmackwidrige an sich:daß es keine lange Unterhaltung mit der Betrachtung dessel<ben gewährt, sondern, sofern es nicht auedrücklicb das Er-kenntniß, oder einen bestimmten pracriicixn Zweck zur Ab-sicht har, lange Weile macht. Dagegen ist das, womit Ein-bildungskraft ungesuchr und zweckmäßig spielen kann, unsjederzeit neu, und man wird seines Anblicks nicht überdrüßig.Maroden in seiner Beschreibung von Sumatra macht dieAnmerkung, daß die freyen Schönheiten der Natur den Zu-schauer daselbst überall umgeben und daher wenig Anziehen-des mehr für ihn haben: dagegen ein Pfessergarten, wo dieStangen an denen sich dieses Gewächs rankt, in Parallcl-linien Alleen zwischen sich bilden, wenn er ihn mitten ineinem Walde antraf, für ihn viel Neiz hatte; und schließtdaraus, daß wilde, dem Anscheine nach regellose Schönheitmir dem zur Abwechselung gefalle, der sich an der regelmäs-sigen satt gesehen hat. Allein er durfte nur den Versuch ma-chen , sich einen Tag bey seinem Psesfergartcn aufzuhalten)um inue zu werden, daß, wenn der Verstand durch die Re-gelmäßigkeit sich in die Stimmung zur Ordnung, die eraller-wärts bedarf, versetzt hat, ihn der Gegenstand nicht längerunterhalte, vielmehr der Einbildungskraft einen lästigenZwang anthue: wogegen die dort an Mannichfaltigkeiten biszur Üppigkeit verschwenderische Natur, die keinem Zwangekünstlicher Regeln unterworfen ist, seinem Geschmacke fürbeständig Nichrung geben könne. — Selbst der Gesaugder Vögel, den wir unter keine musikalische Regel bringenkönnen, scheint mehr Freyheit und darum mehr für den Ge-schmack zu enthalten, als selbst ein menschlicher Gesang der