Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 109
müthsstimmung, sich willkürlich dem Schmerze derSelbstverweise zu unterwerfen, um die Ursache dazu nachund nach zu vertilgen. Auf solche Weife allein unter-scheidet sich innerlich Religion von Superstition; welcheletztere nicht Ehrfurcht für das Erhabene, sondernFurcht und Angst vor dem übermächtigen Wefcn, def-fen Willen der erfchreckte Mensch sich unterworfen siehtohne ihn doch hochzuschätzen, im Gemüthe gründet;woraus denn freylich nichts als Gunsibewerbung undEinfchmeichelung, statt einer Religion des guten Lebens-wandels, entspringen kann.
Also ist die Erhabenheit in keinem Dinge der Natur,sondern nur in unserm Gemüthe enthalten, sofern wirder Natur in uns, und dadurch auch der Natur (sofernsie auf uns einstießt) außer uns, überlegen zu seyn unsbewußt werden können. Alles, was dieses Gefühl inuns erregt, wozu die Macht der Natu gehört, wel-che unsere Kräfte auffordert, heißt alsdenn (obzwaruneigentlich) erhaben; und nur unter der Voraus-setzung dieser Idee in uns, und in Beziehung auf sie,sind wir fähig, zur Idee der Erhabenheit desjenigenWesens zu gelangen, welches nicht bloß durch seineMacht, die es in der Natur beweiset, innige Achtungin uns wirkt, sondern noch mehr durch das Vermö-gen, welches in uns gelegt ist, jene ohne Furcht zu be-urtheilen, und unsere Bestimmung als über dieselbeerhaben zu denken»