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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
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110
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I 10

Erster Th?il.

§. 29.

Von der Modalität des Urtheils über dasErhabene der Natur.

Es giebt unzählige Dinge der schönen Natur, wor-über wir Einstimmigkeit des Urtheils mit dein unsrigenjedermann geradezu ansinnen, und auch, ohne sonderlichzu fehlen, erwarten können; aber mit unserm Uurtheileüber das Erhabene in der Natur können wir uns nichtso leicht Eingang bey Andern versprechen. Denn esscheint eine bey weitem größere Cultur, nicht bloß derästhetischen Urthcilskraft, sondern auch der Erkenntniß-vermögen, die ihr zum Grunde liegen, erforderlich zuseyn, um über diese Vorzüglichkeit der Naturgegensiän-de ein Urtheil fallen zu können.

Die Stimmung des Gemüths zum Gefühl desErhabenen erfordert eine Empfänglichkeit desselben fürIdeen; denn eben in der Unangemessenheit der Natur zuden letztern, mithin nur unter der Voransfetzung dersel-ben, und der Anspannung der Einbildungskraft, die Naturals ein Schema für die letztem zu behandeln, besieht dasAbschreckende für die Sinnlichkeit, welches doch zugleichanziehend ist: weil es eine Gewalt ist, welche die Ver-nunft auf jene ausübt, nur um sie ihrem eigentlichenGebiete (dem practischen) angemessen zu erweitern, undsie auf das Unendliche hinaussehen zu lassen, welchesfür jene ein Abgrund ist. In der That wird ohne Ent-