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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
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111
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Critik der ästhetischen Urtheilskrast. 111

Wickelung sittlicher Ideen das, was wir, durch Cultur vorbereitet, erhaden nennen, dem rohen Menschen bloßabschreckend vorkommen. Er wird an dcn Beweisthü-mern der Gewalt der Natur in ihrer Zerstörung unddem grossen Maaßstabe ihrer Macht, wogegen die ftini-ge in Nichts verschwindet, lauter Mühseligkeit, Gefahrund Noth sehen, die den Menschen umgeben würden,der dahin gebannt wäre. So nannte der gute, übri-gens verständige Savonische Bauer (wie Hr v. Saus-süre erzählt), alle Liebhaber der Eisgcbiige ohne Be-denken Narren. Wer weiß auch, ob er so ganz Un-recht gehabt hatte, wenn jener Beobachter die Gefah-ren, denen er sich hier aussetzte, bloß, wie die meistenReisenden pflegen, aus Liebhaberei), oder um dereinstpathetische Beschreibungen davon geben zu können, über-nommen hatte? So aber war seine Absicht, Belehrungder Menschen; und die seelenerhebende Empfindung hatteund gab der vortrefliche Mann den Lesern seiner Reisenin ihren Kauf oben ein.

Darum aber, weil das Urtheil über das Erhabeneder Natur Cultur bedarf (mehr als das über dasSchöne), ist es doch dadurch nicht eben von der Cul-tur zuerst erzeugt, und etwa bloß conventionsmaßig inder Gesellschaft eingeführt; sondern es hat seine Grund-lage in der menschlichen Natur, und zwar demjenigen,was man mit dem gesunden Verstände zugleich jeder-mann ansinnen und von ihm fordern kann, nehmlich