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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
Seite
137
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Critik der ästhetischen Urtheilskraft, iz?

unter den Urtheilen anderer herumzutappen, und sichvon ihrem Wohlgefallen oder Mißfallen an demselbenGegenstande vorher zu belehren, urtheilen, mithin seinUrtheil nicht als Nachahmung, weil ein Ding etwawirklich allgemein gefallt, sondern a xriari absprechensolle. Man sollte aber denken, daß ein Urtheil 2 prlorieinen Begriff vom Object enthalten müsse, zu dessenErkenntniß es das Princip enthalt; das Geschmacksur--theil aber gründet sich gar nicht auf Begriffe, und istüberall nicht Erkenntniß, sondern nur ein ästhetischesUrtheil.

Daher laßt sich ein junger Dichter von der Überre-dung, daß sein Gedicht schön sey, nicht durch das Ur-theil des Publicums, noch seiner Freunde abbringen;und wenn er ihnen Gehör giebt, so geschieht es nichtdarum, weil er es nun anders beurtheilt, sondern weiler, wenn gleich «'wenigstens in Absicht seiner) das ganzePublicum einen falschen Geschmack hatte, sich doch (selbstwider sein Urtheil) dem gemeinen Wahne zu bequemen,in seiner Begierde nach Beyfall Ursache findet. Nurspäterhin, wenn seine Urtheilskraft durch Ausübungmehr geschärft worden, geht er freywillig von seinemvorigen Urtheile ab; so wie er es auch mit seinen Urthei-len halt, die ganz auf der Vernunft beruhen. Der Ge-schmack macht bloß auf Autonomie Anspruch. FremdeUrtheile sich zum Besiimmungsgrunde des seinigen zumachen, wäre Heteronomie.

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