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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
Seite
138
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IS8 Erster Theil.

Daß man die Werke der Alten mit Recht zu Mu-stern anpreiset, und die Verfasser derselben classisch nennt,gleich einem gewissen Adel unter den Schriftstellern, derdem Volke durch seinen Vorgang Gesetze giebt: scheintQuellen des Geschmacks a posteriori anzuzeigen, unddie Autonomie desselben in jedem Subjecte zu widerlegen.Allein man könnte eben so gut sagen, daß die alten Ma-thematiker, die bis jetzt für nicht wohl zu entbehrendeMuster der höchsten Gründlichkeit und Eleganz der syn-thetischen Methode gehalten werden, auch eine nachah-mende Vernunft auf unserer Seite bewiesen, und ein Un-vermögen derselben, aus sich selbst sirenge Beweise mitder größten Intuition, durch Construction der Begriffe,hervorzubringen. Es giebt gar leinen Gebrauch unsererKräfte, fo frey er auch seyn mag, und selbst der Ver-nunft (die alle ihre Urtheile aus der gemeinschaftlichenQuelle s priori schöpfen muß), welcher, wenn jedesSubject immer ganzlich von der rohen Anlage seines Na-turells anfangen sollte, nicht in fehlerhafte Versuche ge-rathen würde, we.nn nicht Andere mit den ihrigen ihmvorgegangen waren, nicht um die Nachfolgenden zubloßen Nachahmern zu machen, sondern durch ihr Ver-fahren andere auf die Spur zu bringen, um die Prin-cipien in sich selbst zu suchen, und so ihren eigenen, oftbesseren, Gang zu nehmen. Selbst in der Religion, wogewiß ein jeder die Regel seines Verhaltens aus sich ftlbsthernehmen muß, weil er dafür auch selbst verantwortlich