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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
Seite
163
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Critik der ästhetischen Urteilskraft. 16z

den Geschmack als ein Veurtheilungsvermögen allesdessen, wodurch man sogar sein Gefühl jedem andernmittheile» kann, mithin als Beförderungsmittel dessen,was eines jeden natürliche Neigung verlangt, anse-hen sollte.

Für sich allein würde ein verlassener Mensch aufeiner wüsten Insel weder seine Hütte, noch sich fclbst aus-putzen, oder Blumen aufsuchen, noch weniger sie pflan-zen, um sich damit auszuschmücken; sondern nur in Ge-sellschaft kömmt es ihm ein, nicht bloß Mensch, sondernauch nach seiner Art ein feiner Mensch zu seyn (der An-fang der Civilisirung): denn als einen solchen beurtheiltman denjenigen, welcher seine Lust andern mitzutheilengeneigt und geschickt ist, und den ein Object nicht befrie-digt, wenn er das Wohlgefallen an demselben nicht inGemeinschaft mit andern fühlen kann. Auch erwartetund fordert ein jeder die Rücksicht auf allgcmeineMit-thcilung von jedermann, gleichsam als aus einem ur-sprünglichen Vertrage, der durch die Menschheit selbstdictirt ist; und so werden freylich anfangs nur Reize,z.B. Farben, um sich zu bemalen (Nocou bey den Carai-ben und Zinnober bey den Irokesen), oder Blumen, Mu-schclschaalen, schönfarbige Vogclfedern, mit der Zeit aberauch fchöne Formen (als an Canots, Kleidern, u. f. w.),die gar kein Vergnügen, d.i. Wohlgefallen des Genussesbey sich führen, in der Gesellschaft wichtig und mit gro-ßem Interesse verbunden: bis endlich die auf den höchsten

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