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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
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168
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168 Erster Theil.

sogar übertroffen würde, dennoch allein ein unmittelba-res Interesse zu erwecken, stimmt mit der geläutertenund gründlichen Denkungsart aller Menschen überein,die ihr sittliches Gefühl cultivirt haben. Wenn ein Mannder Geschmack genug hat, um über Producte der schönenKunst mit der größten Nichtigkeit und Feinheit zu urthei-len, das Zimmer gern verlaßt, in welchem jene, dieEitelkeit und allenfalls gesellschaftliche Freuden unter-haltende, Schönheiten anzutreffen sind, und sich zumSchönen der Natur wendet, um hier gleichsam Wollustfür seinen Geist in einen« Gedankengange zu finden, dencr sich nie völlig entwickeln kann; fo werden wir diese seineWahl selber mit Hochachtung betrachten, und in ihmeine schöne Seele voraussetzen, auf die kein Kunstkennerund Liebhaber, uM des Interesse willen, das er an feinenGegenständen nimmt, Anspruch machen kann. Wasist nun der Unterschied der fo verschiedenen Schätzungzweycrley Objecte, die im Urtheile des bloßen Geschmackseinander kaum den Vorzug streitig machen würden?

Wir haben ein Vermögen der bloß ästhetischen Ur-teilskraft, ohne Begriffe über Formen zu urtheilen, undan der bloßen Beurtheilung derselben ein Wohlgefallenzu finden, welches wir zugleich jedermann znr Regelmachen, ohne daß dieses Urtheil sich auf einem Interessegründet, noch ein solches hervorbringt. Andererseitshaben wir auch ein Vermögen einer intelicctucllen Ur-theilskraft, für bloße Formen practischer Maximen (so-