Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 187
her sorgfaltigsten Vernunftuntersuchung wie ein Geniespricht und entscheidet, so ist es vollends lächerlich; manweiß nicht recht, ob man mehr über den Gaukler, der umsich so viel Dunst verbreitet, wobey man nichts deutlichbeurtheilen, aber desto mehr sich einbilden kann, odermehr über das Publicum lachen soll, welches sich treu-herzig einbildet, daß sein Unvermögen, das Meisterstückder Einsicht deutlich erkennen und fassen zu können, da-her komme, weil ihm neue Wahrheiten in ganzen Massenzugeworfen werden, wogegen ihm das Detail (durchabgemessene Erklärungen und schulgerechte Prüfung derGrundsätze) nur Stümperwerk zu seyn scheint.
§. 48.
Vom Verhaltnisse des Genie'6 zumGeschmack.
Zur Beurtheilung schöner Gegenstände, als sol-cher, wird Geschmack; zur schönen Kunst selbst aber,d. i. zur Hervorbringung solcher Gegenstände, wirdGenie erfordert.
Wenn man das Genie als Talent zur schönen Kunstbetrachtet (welches die eigenthümliche Bedeutung desWorts mit sich bringt), und es in dieser Absicht in dieVermögen zergliedern will, die ein solches Talent aus-zumachen zusammcn kommen müssen; so ist nöthig, zuvorden Unterschied zwischen der Naturschönheit, deren Beur-theilung nur Geschmack, und der Kunsischönheit, deren