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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
Seite
190
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19° Erster Theil.

den wir doch mit Gewalt streben, vorgestellt wird; sowird die kunstliche Vorstellung des Gegenstandes vonder Natur dieses Gegenstandes selbst in unserer Empfin-dung nicht mehr unterschieden, und jene kann alsdannunmöglich für schön gehalten werden. Auch hat dieBildhauerkunst, weil an ihren Producten die Kunst mitder Natur beynahe verwechselt wird, die unmittelbareVorstellung haßlicher Gegenstände von ihren Bildungenausgeschlossen, und dafür z. B. den Tod (in einem schö-nen Genius), den Kriegsmuth (am Mars ), durch eineAllegorie oder Attribute, die sich gefallig ausnehmen,mithin nur indirect vermittelst einer Auslegung der Ver-nunft, und nicht für bloß ästhetische Urtheilskraft, vor-zustellen erlaubt.

So viel von der schönen Vorstellung eines Gegen-standes, die eigentlich nur die Form der Darstellung ei-nes Begrifs ist, durch welche dieser allgemein mitgetheiltwird. Diese Form aber dem Producte der schönenKunst zu geben, dazu wird bloß Geschmack erfordert, anwelchem der Künstler, nachdem er ihn durch mancherleyBeyspiele der Kunst, oder der Natur, geübt und berich-tigt hat, sein Werk hält, und, nach manchen oft müh-samen Versuchen denselben zu befriedigen, diejenige Formfindet, die ihm Genüge thut: daher diese nicht gleichsameine Sache der Eingebung, oder eines freyen Schwun-ges der Gemüthskräfte, sondern einer langsamen undgar peinlichen Nachbesserung ist, um sie dem Gedanken