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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
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191
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Critik der ästhetischen Urteilskraft. 19 r

angemessen und doch der Freyheit im Spiele derselbennicht nachtheilig werden zu lassen.

Geschmack ist aber bloß ein Beurtheilungs- nichtein productives Vermögen; und, was ihm gemäß ist, istdarum eben nicht ein Werk der schönen Kunst: es kannein zur nützlichen und mechanischen Kunst, oder gar zurWissenschaft gehöriges Product nach bestimmten Regelnseyn, die gelernt werden können und genau befolgtwerden müssen. Die gefallige Form aber, die manihm giebt, ist nur das Vehikel der Mittheilung undeine Manier gleichsam des Vertrages, in Ansehung des-sen matt noch in gewissem Maaße frey bleibt, wenner doch übrigens an einen bestimmten Zweck gebundenist. So verlangt man, daß das Tischgerathe, oderauch eine moralische Abhandlung, sogar eine Predigt,diese Form der schönen Kunst, ohne doch gesucht zuscheinen, an sich haben müsse; man wird sie aber dar-um nicht Werke der schönen Kunst nennen. Zu derletzteren aber wird ein Gedicht, eine Musik, eine Bil-dergallerie u. d. gl. gezahlt; und da kann man an ei»nein seynsollenden Werke der schönen Kunst oftmalsGenie ohne Geschmack, an einem andern Geschmackohne Genie, wahrnehmen.