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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
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192
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IA2

Erster Theil.

§. 49'

Von den Vermögen des Gemüths, welchedas Genie ausmachen.

Man sagt von gewissen Producten, von welchenman erwartet, daß sie sich, zum Theil wenigstens, alsschöne Kunst zeigen sollten: sie sind ohne Geist; ob mangleich an ihnen, was den Geschmack betrift, nichts zutadeln findet. Ein Gedicht kann recht nett und elegantseyn, aber es ist ohne Geist. Eine Geschichte ist genauund ordentlich, aber ohne Geist. Eine feierliche Redeist gründlich und zugleich zierlich, aber ohne Geist.Manche Converscttion ist nicht ohne Unterhaltung, aberdoch ohne Geist; selbst von einem Frauenzimmer sagtman wohl, sie ist hübsch, gesprächig und artig', aberohne Geist. Was ist denn das, was man hier unterGeist versteht?

Geist in ästhetischer Bedeutung, heißt das bele-bende Princip im Gemüthe. Dasjenige aber, wodurchdieses Princip die Seele belebt, der Stof, den es dazuanwendet, ist das, was die Gemüthskräfte zweckmäßigin Schwung versetzt, d. i. in ein solches Spiel, welchessich von selbst erhält und selbst die Kräfte dazu stärkt.

Nun behaupte ich, dieses Princip sei) nichts an-ders, als das Vermögen der Darstellung ästhetischerIdeen; unter einer ästhetischen Idee aber verstehe ichdiejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu

denke»