198 Erster Theil.
Die Gemüthskräfte also, deren Vereinigung (ingewissem Verhältnisse) das Genie ausmachen, sindEinbildungskraft und Verstand. Nur, da im Ge-brauch der Einbildungskraft zum Erkenntnisse, die er-stere unter dem Zwange des Verstandes steht, undder Beschränkung unterworfen ist, dem Begriffe dessel-ben angemessen zu seyn; in ästhetischer Absicht siehingegen frey ist, um noch über jene Einstimmungzum Begriffe, doch ungcfucht, reichhaltigen unentwik-kelten Stof für den Verstand, worauf dieser in seinemBegriffe nicht Rücksicht nahm, zu liefern, welchen dieferaber, nicht sowohl objectiv zum Erkenntnisse, als sub-jectiv zur Belebung der Erkenntnißkräfte, indirect alsodoch anch zu Erkenntnissen, anwendet: so besteht dasGenie eigentlich in dem glücklichen Verhältnisse, welcheskeine Wissenschaft lehren und kein Fleiß erlernen kann,zu einem gegebenen Begriffe Ideen aufzufinden, undandrerseits zu diesen den AusVl'ttck zu treffen, durchden die dadurch bewirkte subjective Gemüthssiimnnmg,als Begleitung eines Degn'ss, andern mitgetheilt wer-den kann. Das lettcre Talent ist eigentlich dasjenige,was man Geist nennt; denn das Unnennbare in dem Ge-müthszustande bey einer gewissen Vorstellung auszubräk-kcn und allgemein mittheilbar zu machen, der Ausdruckmag nun in Sprache, oder Malerei), oder Plastik be-stehen: dies erfordert ein Vermögen, das schnell vor-übergehende Spiel der Einbildungskraft aufzufassen, und