2O6 Erster Theil.
hatte. Die Verbindung und Harmonie beider Erkennt-nißoermvgen, der Sinnlichkeit und des Verstandes, dieeinander zwar nicht entbehren können, aber doch auch ohneZwang und wechselseitigen Abbruch sich nicht wohl verei-nigen lassen, muß unabsichtlich zu seyn, und sich vonselbst so zu fügen scheinen; sonst ist es nicht schölleKunst. Daher alles Gesuchte und Peinliche darin ver-mieden werden muß; denn schöne Kunst muß in dop-pelter Bedeutung freye Kunst seyn: sowohl daß sienicht als Lohngeschast, eine Arbeit sey, deren Größesich nach einem bestimmten Maaßstabe beurtheilen, er-zwingen oder bezahlen laßt; sondern anch, daß das Ge-müth sich zwar beschäftigt, aber dabey doch, ohne aufeinen andern Zweck hinauszusehen, (unabhängig vomLohne) befriedigt und erweckt fühlt.
Der Redner giebt also zwar etwas, was er nichtverspricht, nehmlich ein unterhaltendes Spiel der Ein-bildungskraft; aber er bricht auch dem etwas ab, waser verspricht, und was doch sein angekündigtes Ge-schäft ist, nehmlich den Verstand zweckmäßig zu be-schäftigen. Der Dichter dagegen verspricht wenig undkündigt ein bloßes Spiel mit Ideen an, leistet aberetwas, das eines Geschäftes würdig ist, nehmlich demVerstände spielend Nahrnng zu verschaffen, und seinenBegriffen durch Einbildungskraft Leben zu geben: mit-hin Jener im Grunde weniger, Dieser mehr, als er ver-spricht.