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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
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212
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212 Erster Theil.

lich fein ist. Das heißt, man kann nicht mit Gewißheitsagen: ob eine Farbe oder ein Ton (Klang) bloß ange-nehme Empfindungen, oder an sich schon ein schönesSpiel von Empfindungen seyen, und als ein solches einWohlgefallen an der Form in der ästhetischen Beurthei-lung bey sich führen. Wenn man die Schnelligkeit derLicht-, oder in der zweyten Art, der Luftbebungen, diealles unser Vermögen, die Proportion der Zeiteintheilungdurch dieselbe unmittelbar bey der Wahrnehmung zu be-urtheilen, wahrscheinlicherweise bey weitem übcrtrift,bedenkt; so sollte man glauben, nur die Wirkungdieser Zitterungen aus die elastischen Theile unsers Kör-pers werde empfunden, die ZeiteitttheilUttg durchdieselbe aber nicht bemerkt und in Beurtheilung gezogen,mithin mit Farben und Tönen nur Annehmlichkeit, nichtSchönheit ihrer Composition, verbunden. Bedenkt manaber dagegen erstlich das Mathematische, welches sichüber die Proportion dieser Schwingungen in der Musikund ihre Beurtheilung sagen laßt, und beurtheilt dieFarbeuabstechung, wie billig, nach der Analogie mit derletztern: zieht man zweytttts die, obzwar seltenen,Beyspiele von Menschen, die mit dem besten Gesichtevon der Welt nicht haben Farben, und mit dem schärf-sten Gehöre nicht Töne unterscheiden können, zu Rath,Ungleichen für die, welche dieses können, die Wahrneh-mung einer veränderten Qualität (nicht bloß des Gradesder Empfindung) bey den verschiedenen Anspannungen