Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 217
menschlicher Angelegenheit, mit einer lebhaften Darstel-lung in Beyspielen verbunden, und ohne Verstoß widerdie Regeln des Wohllauts der Sprache, oder der Wohl-anstandigkeit des Ausdrucks, für Ideen der Vernunft(welches zusammen die Wohlredenheit ausmacht) schon ansich hinreichenden Einfluß auf menschliche Gemüther, alsdaß es nöthig wäre noch die Maschinen der Überredunghieben anzulegen; welche, da sie eben sowohl auch zurBeschönigung oder Verdeckung des Lasters und Irr-thums gebraucht werden können, den geheimen Verdachtwegen einer künstlichen Überlisiung nicht ganz vertilge»können. In der Dichtkunst geht alles ehrlich und auf-richtig zu. Sie erklart sich: ein bloßes unterhaltendesSpiel mit der Einbildungskraft, und zwar der Formnach, einstimmig mit Verstandesgesetzen treiben zu wol-len; und verlangt nicht den Verstand durch sinnlicheDarstellung zu überschleichen und zu verstricken
') Ich muß gestehen: daß ei» schönes Gedicht mir immer einreines Vergnügen gemacht hat, anstalt daß die Lesung derbesten Rede eines römische» Volks- oder jetzigen Parla-ments- oder Kanzelredners jederzeit mit dem unangeneh-men Gefühl der Mißbilligung einer hinterlistigen Kunstvermengt war, welche die Menschen als Maschinen in wich,eigen Dingen zu einem Urtheile zu bewege» versteht, dasim ruhige» Nachdenken alles Gewicht bey ihnen verliere»muß. Beredhell und Wohlredenheit (zusammen Rhetorik)gehören zur schönen Kunst; aber Rednerkunst (ms oistori»)ist, als Kunst sich der Schwächen der Menschen zu seinenAbsichten zu bedienen (diese mögen immer so gut gemevnt,
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