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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
Seite
220
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22Q Erster Theil.

stimmte Begriffe vorgestellt, hangt allein das Wohlge-fallen, welches die bloße Reflexion über eine solche Mengeeinander begleitender oder folgender Empfindungen mitdiesem Spiele derselben als für jedermann gültige Be-dingung seiner Schönheit verknüpft; und sie ist es allein,nach welcher der Geschmack sich ein Recht über dasUrtheil von jedermann zum voraus auszusprechen an-maßen darf.

Aber an dem Reize und der Gemüthsbewegung,welche die Musik hervorbringt, hat die Mathematiksicherlich nicht den mindesten Antheil; sondern sie ist nurdie unumgängliche Bedingung (conäitio üne czus non)derjenigen Proportion der Eindrücke, in ihrer Verbin-dung sowohl als ihrem Wechsel, wodurch es möglichwird sie zusammen zu fassen, und zir verhindern, daß dieseeinander nicht zerstören, fondern zu einer continuirlichenBewegung und Belebung des Gemüths durch damitconsonirende Wetten und hiemit zu einem behaglichenSelbstgenusse zusammenstimmen.

Wenn man dagegen den Werth der schönen Künstenach der Cultur schätzt, die sie dem Gemüth verschaffen,und die Erweiterung der Vermögen, welche in der Ur-theilskraft zum Erkenntnisse zusammen kommen müssen,zum Maaßstabe nimmt; so hat Musik unter den schönenKünsten sofern den untersten (so wie unter denen, diezugleich nach ihrer Annehmlichkeit geschätzt werden,vielleicht den obersten) Platz, weil sie bloß mit Empfin,