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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
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Erster Theil.

bald in einen bald in den andern Scandpnnet, um seinenGegenstand zu betrachten, eine wechselseitige Anspannungund Loölassung der elastischen Theile unserer Eingeweide,die sich dem Zwerchfell mittheilt, correspondiren könne (gleichderjenigen, welche kitzltche Leute fühlen): wobey die Lungedie Luft mit schnell einander folgenden Absätzen ausstößt,und so eine der Gesundheit zuträgliche Bewegung bewirkt,welche allein und nicht das was im G^nüthe vorgeht, dieeigentliche Ursache des Vergnügens an einem Gedanken ist,der im Grunde nichts vorstellt. Voltaire sagte, der Him-mel habe uns zum Gegengewicht gegen die vielen Mühselig-keiten des Lebens zwey Dinge gegeben: die Hofmmg, undden Schlaf. Er hätte noch das Lachen dazu rechnen kön-nen; wenn die Mittel es bey Vernünftigen zu erregen, nurso leicht bey der Hand wären, und der Witz oder die Origi-nalität der Laune, die dazu erforderlich sind, nicht eben soselten wären, als häufig das Talent ist, kopfbrechend,wie mystische Grübler, halsbrechend, wie Genies, oderherzbrechend, wie empfindsame Romanschreiber (auchwohl dergleichen Moralisten), zu dichten.

Man kann also, wie mich dünkt, dem Epikur wohl ein-räumen: daß alles Vergnügen, wenn es gleich durch Be-griffe veranlaßt wird, welche ästhetische Zdeen erwecken,animalische d.i. körperliche Empfindung, sey; ohne dadurchdem geistigen Gefühl der Achtung für moralische Ideen,welches kein Vergnügen ist, sondern eine Selbstschätzung(der Menschheit in uns), die uns über das Bedürfniß des-selben erhebt, ja selbst nicht einmal dem minder edlen desGeschmacks, im mindesten Abbruch zu thun.

Etwas aus beiden Zusammengesetztes findet sich in derNaivität, die der Ausbruch der der Menschheit ursprüng,lich natürlichen Aufrichtigkeit wider die zur andern Natur