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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
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229
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Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 229

gewordenen Verstellungskunst ist. Man lacht über die Ein,fält, die es noch nicht versteht sich zu verstellen; und erfreutsich doch auch über die Einfalt der Natur, die jener Kunsthier einen Querstrich spielt. Man erwartete die alltäglicheSitte der gekünstelten und auf den schönen Schein vorsichtigangelegten Äußerung; und siehe! es ist die unverdorbeneschuldlose Natur, die man anzutreffen gar nicht gewärtig,und die der, welcher sie blicken ließ, zu entblößen auch nichtgemeynet war. Daß der schöne aber falsche Schein, dergewöhnlich in unserm Urtheile sehr viel bedeutet, hier vlötz,lich in Nichts verwandele, daß gleichsam der Schalk in unsselbst bloßgestellt wird, bringt die Bewegung des Gemüthsnach zwey entgegengesetzten Richtungen nach einander her»vor, die zugleich den Körper heilsam schüttelt. Daß aberetwas, was unendlich besser al« alle angenommene Sitteist, die Lauterkeit der Denkuugsart (wenigstens die Anlagedazu) doch nicht ganz in der menschlichen Natur erloschenist, mischt Ernst und Hochschätzung in dieses Spiel der Ur,cheilskraft. Weil es aber nur eine auf kurze Zeit sich her,vorthuende Erscheinung ist, und die Decke der Verstellung«,kunft bald wieder vorgezogen wird; so mengt sich zugleichein Vedauren darunter, welches eine Rührung der Zärtlich»keit ist, die sich c,ls Spiel mit einem solchen gutherzigen La-chen sehr wohl verbinden läßt, und auch wirklich damit ge,wöhnlich verbindet, zugleich auch demjenigen, der denStof dazu hergiebt, die Verlegenheit darüber, daß er nochnicht nach Mmschenweise gewitzt ist, zu vergüten pflegt. Eine Kunst, naiv zu seyn, ist daher ein Wider-spruch; allein die Naivität in einer erdichteten Person vor,zustellen, ist wohl möglich, und schöne obzwar auch selteneKunst. Mit der Naivität muß offenherzige Einfalt, wel,che die Natur nur darum nicht verkünstelt, weil sie sich

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