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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
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249
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Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 249

für unsere Beurtheilung zweckmäßig seyn können. Ichverstehe aber unter einer freyen Bildung der Natyrdiejenige, wodurch aus einem Flüssigen in Ruhe,durch Verflüchtigung oder Absonderung eines Theilsdesselben (bisweilen bloß der Warmmaterie) das Übrigebey dem Festwerden eine bestimmte Gestalt, oder Ge-webe, (Figur oder Textur) annimmt, die, nach derspecifischen Verschiedenheit der Materien, verschieden,in eben derselben aber genau dieselbe ist. Hiezu aberwird, was man unter einer wahren Flüßigkeit jederzeitversteht, nehmlich daß die Materie in ihr völlig aufgelö-set, d. i. nicht als ein bloßes Gemenge fester und darin .bloß schwebender Theile anzusehen sey, vorausgesetzt.

Die Bildung geschieht alsdann durch Anschießen,d. i. durch ein plötzliches Festwerden, nicht durch einenallmählichen Übergang aus dem flüßigen in den festen Zu-stand, sondern gleichsam durch einen Sprung, welcherÜbergang auch das Crystallisiren genannt wird.Das gemeinste Beyspiel von dieser Art Bildung ist dasgefrierende Wasser, in welchem sich zuerst gerade Eis-sirählchen erzeugen, die in Winkeln von 60 Grad sich zu-sammenfügen, indeß sich andere an jedem Punct dersel-ben eben so ansetzen, bis alles zu Eis geworden ist: sodaß wahrend dieser Zeit das Wasser zwischen den Eis-firaylchen nicht allmählich zäher wird, sondern so vollkom-men flüßig ist, als es bey weit größerer Wärme seynwürde, und doch die völlige Eiskälte hat. Die sich ab-

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