Teil eines Werkes 
Theil 2 (1752) Jacob Benignus Bossuet, Bischofs von Meaux, Einleitung in die Geschichte der Welt, und der Religion / fortgesetzet von Johann Andreas Cramern, Hochfürstl. Oberhofpredigern in Quedlinburg
Entstehung
Seite
155
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Zweyter Abschnitt. 155

nickt leid seyn lassen. Zoroaster hat schon dafür ge-sorget, daß dieser unglückliche Streit nicht ewig dau-ern solle. Das erste Lichrwesen wird alle seine Licht-stralen wieder zurückrufen, und von neuem in sichzusammendrängen. Da nun nach diesem Systemedie Finsterniß, die Materie und alles Böse bloß un-vermeidliche Folgen aus der weiten Entfernung derLichtausflüsse von der Quelle des Lichts sind: somüssen dieselben freylich aufhören, wenn sich alleLichttheile in ihrem Ursprünge vereinigen. Mandarf sich nicht wundern, wenn uns in unsern HellernZeiten ein solches Lehrgebäude dunkel und unbegreif-lich zu seyn scheint; der Unsinn wird niemals deut-lich. Zoroaster ist ein Unwissender? der seine Un-wissenheit fühlet, und doch zu stolz ist, seine Unwissen-heit zu bekennen, und Weisheit bey andern zusuchen.

Aus diesen irrigen Vorstellungen von der Gott-heit, dem Ursprünge der Welt und des Bösen, floßeine eben so irrige Moral. Man sah, daß bey allengroben Lastern und Ausschweifungen der Menschen,heftige und stürmische Bewegungen im menschlichenKörper erfolgeten. Also schrieb man alle Unordnungder Materie zu, woraus er bestand. Niemandsuchte sie im Willen; man hielt die Laster für Ge-waltthätigkeiten des Körpers. Alle sittliche Vorstel-lungen giengen nicht auf die Besserung des Willens,sondern auf die Zerstörung des Leibes. In diesemVerstände sind ihre Ermahnungen zur Enthaltsam-keit, Keuschheit und Mäßigkeit zu verstehen. Sieschrieben tausend besondere Reinigungen vor, welchesich alle auf das System bezogen, das die Materiezur Quelle aller physikalischen und moralischen Unord-nung